Kurzgeschichten

Sonstiges Lebensart
 
hi,

hier ist platz für lustige, anregende, nachdenkliche, traurige oder einfach nur schöne kurzgeschichten. egal ob bebilderter comic strip oder in geschriebener „500 zeichen“ form, hauptsache kurz und auf den punkt!



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Mister Ad
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Schon mal bei Amazon geguckt? Vielleicht wirst du dort fuendig.

 



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lol2
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Spongecate schrieb am 12.10.09, 21:12 Uhr:


doppelhammer
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Klassiker von Robert Gernhardt:

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KingG schrieb am 13.10.09, 01:49 Uhr:


hier ist platz für lustige, anregende, nachdenkliche, traurige oder einfach nur schöne kurzgeschichten.

ouw
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Editiert: 13.10.09, 10:11 Uhr








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rockon
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yeah! jump
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Wie wäre es mit einer Quelle, wenn es sich anbietet? n_n
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Editiert: 14.10.09, 01:20 Uhr
Philip_p schrieb am 13.10.09, 13:39 Uhr:

Wie wäre es mit einer Quelle, wenn es sich anbietet? n_n

gute idee!

Sergio Aragones http://www.sergioaragones.com/ (zum 2.)





Don Martin



Bob Clarke


Johnny Hart


Happy Tree Friends (wer zeichnet die?)
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Marunde



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love
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Ich krame das mal wieder hervor.
Früher habe ich mal öfter etwas geschrieben, dann irgendwann aufgehört.
Jetzt trennt sich gerade die love von mir und ich habe wieder wieder zwei Geschichten geschrieben um mich abzulenken. Willkommen in meiner Therapiegruppe. Los geht es aber mit einer alten Geschichte (2014), damit man die anderen beiden besser versteht.


Ende der Ausbaustrecke



Der Junge muss sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür werfen, damit er sie öffnen kann.
Er springt ins Freie, dreht sich um und schaut ungeduldig nach seiner Mutter, die mit den beiden großen Tüten in den Händen und dem Gleichgewicht kämpft als sie den Zug verlässt.

Ich mache einen großen Schritt auf den Bahnsteig, sauge klare Luft in meine Lungen und sehe mich um. Der Bahnhof ist klein. Zwei Gleise, eine Unterführung und etwas das aussieht wie das Schild einer Bushaltestelle.
Die Unterführung riecht nach Pisse. Neonflackerlicht. Auf der anderen Seite die Haltestelle mit der Linie 56 und dem S4. Kein Wartehäuschen. Und kein Bus.

„Der kommt nicht mehr. Kein Bus mehr nach sieben.“ ruft die Tütenmutter und steigt in einen kleinen roten Fiesta, in dem sie zuerst die großen Taschen und dann den Jungen umständlich untergebracht hat. Es ist kalt und es müsste eigentlich jeden Moment anfangen zu schneien. Jedenfalls wenn der Wetterbericht recht hat. Jedenfalls wenn dieses Schneesymbol auf dem Handydisplay ein Wetterbericht ist. Kein Bus mehr nach sieben.

Der Taxifahrer schweigt und ich mit ihm. Ob ich denn wüsste, wie weit das denn jetzt sei für ihn und dass er dann ja erst um elf wieder zurück im Ort sei, hat er wissen wollen. Allerfrühestens um elf. Wie ich denn überhaupt auf die Idee gekommen bin, mit den Zug anzureisen, wo doch jeder weiß, dass man damit nicht weit kommt, hier.

„Hier am Arsch der Welt.“ habe ich dann leise ergänzt und ihm einen Zwanziger zugesteckt und irgendwas von Aufwandsentschädigung gefaselt und bin mir selbst dabei unglaublich großkotzig vorgekommen. Seither nur das Radio mit den besten Hits der 70er und 80er, das knackende Funkgerät, der Motor und der Wald. Überall beschissen dunkler Wald.
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„Ach, auch schon wach?“ Die ersten Worte seit einhundert Kilometern. Herr Weber sieht mich nicht an und das ist gut so bei dieser Geschwindigkeit. Wir sind mit einem dieser Wolfsrudel auf der Jagd. Diese Kolonnen aus großen dunklen Limousinen, die sich auf der linken Spur der Autobahn zusammenrotten um mit ihren bösen Augen alles verscheuchen, was kleiner und langsamer ist.

Der Feierabendverkehr lässt Herrn Weber immer wieder dicht auf Kleinwagen auffahren, die auf die linke Spur gezogen sind. Bis auf fünf Meter, bis auf drei Meter. Lichthupe, Blinker, Gas. Der Ledersitz klebt an meinem verschwitzten Hemd, obwohl die Klimaanlage das Fahrzeuginnere auf arktische Temperaturen herunterkühlt. Habe ich geschlafen? Habe ich geträumt?

Seit zwei Wochen sind wir unterwegs. „Von den Besten lernen heißt, vom alten Weber lernen!“ Die Worte meines Vorgesetzten klingen noch immer nach. Ein Monat Mitreise. „Da haben Sie ja richtig Glück, dass der Weber gerade dran ist! Da wäre manch anderer Frischling mal direkt neidisch drauf!“ Wie ich mich da gefreut habe. Wie ich mir dachte, dass das ja bestimmt gar kein so schlechter Einstieg wäre in ein Arbeitsleben.


Ich habe nicht aufgepasst, denn mit einem Mal ist es einfach da. Dieses Schimmern um das Taxi herum. Alles wird blau und dann wieder nicht. Dann wieder blau. Der Rettungswagen fährt ohne Martinshorn durch die Nacht, überholt, wird langsam kleiner, verschwindet irgendwann. Das Versprechen, dass, ganz egal wo man gerade ist, irgendwer auf einen aufpasst. Das irgendwer kommt, um einen da rauszuholen. Dann wieder nur der Lichtkegel der Taxischeinwerfer und die alles verschlingende Dunkelheit drumherum.

„Scheiße!“ Der Taxifahrer spricht. Das Blau ist wieder da. Das Blau ist überall. Viele blaue Lichter. Als würde der Wald vor uns blau brennen. Dann große Scheinwerfer, dann Feuerwehr, Rettungswagen, dann Polizei. Während wir näher kommen wird klar, dass die zwei großen Klumpen, die von den Scheinwerfern beschienen werden, einmal Autos waren.

„Hier geht es heute nicht mehr weiter!“ Die Polizistin hat die Kapuze ihrer gelben Reflektor-Neonjacke tief ins Gesicht gezogen und schlägt die Handschuhe zusammen, um sich ein wenig aufzuwärmen während sie mit uns spricht. „Ist gesperrt bis morgen früh, da müssen erst noch Luftbilder gemacht werden. Sie kennen den Weg über die Dörfer?!“ Der Taxifahrer bejaht, dreht den Wagen in drei Zügen und fährt den Weg zurück, den wir gekommen sind. „Scheiße!“

Wir verkaufen. Beim Mittelstand. Beim guten deutschen Mittelstand, dem Motor der Konjunktur. Wir sind das Schmieröl, wir sind das Benzin. Herr Weber schüttelt Hände, ich schüttle Hände. Herr Weber verspricht Mengen, verhandelt Preise, vermittelt Servicepläne. Dann wieder Händeschütteln, warwiedernett, biszumnächstenmal.

Wir stehen in Hallen mit großen grünen Maschinen, wir sitzen in Büros mit blauen Teppichböden. Herr Weber redet, ich ziehe graue Mappen aus dem silbernen Alurollkoffer hervor, schlage die richtigen Seiten auf. Wir warten auf braunen Stühlen in denen man vor und zurück wippen kann. Wir warten in gelben kantigen Sesseln, in denen man tief einsinkt, wenn man sich darauf fallen lässt. Wir warten auf Geschäftsführer, auf Abteilungsleiter, auf Head ofs. Herr Weber telefoniert, notiert, tippt ein. Ich sortiere, archiviere, präsentiere.

Drei oder vier Termine schafft man an einem Tag. Dazwischen immer wieder im Auto. Herr Weber redet nicht viel. Ich rede nicht viel. Essen in Autobahnraststätten, essen auf Parkplätzen, essen in Fast Food Ketten, essen im Hotel. Büroluft, Autoklimaanlagenluft, Hotelzimmerluft. „Ich hätte gern ein Nichtraucherzimmer!“ Herr Weber hätte das gern nicht.

Wie schnell man sich an das alles gewöhnt. Wie einfach das ist: Einchecken, auschecken. Dazwischen zwei Stunden Fernsehen, sechs Stunden Schlaf, eine halbe Stunde vor dem Frühstück und dann eine halbe Stunde Frühstück. Zwei Brötchen, Nutella, Käse, Wurst. Obst oder Joghurt. Wie schnell die Zeit vergeht. „Guten Abend, ich würde gern... danke, keinen Kaffee, ich bleibe lieber bei Saft... nein, aus der Minibar war nichts und ich würde gern mit Kreditkarte zahlen.“ Das geht so leicht von der Hand. Wie ich mir die Sätze für alles zurecht gelegt habe. Wie ich das alles schon auswendig weiß.


„So, da.“ Der Taxifahrer bleibt einsilbig. Wir fahren die letzten Meter des Hügels hinauf, auf dessen höchstem Punkt das Hotel steht. Ein großer eckiger Kasten. Fernsehflimmerschein aus einigen Fenstern. Ein riesiger beleuchteter Adventskalender. Hinter jeder Tür eine Überraschung. Der Taxifahrer schaut grimmig, als er mir meinen Koffer anreicht. Ich zahle und der Koffer scheppert, als ich ihn über das Kopfsteinpflaster der Auffahrt ziehe.
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Es gibt überall im Leben Hierarchien. Das sagt Herr Weber. Herr Weber kennt sich aus mit so etwas. Herr Weber kann mit einem Blick zwischen einem Maßanzug und Stangenware unterscheiden. Herr Weber weiß, ob eine Tasche aus echtem Leder gemacht ist, oder ob es sich um eine Nachbildung handelt. Er muss sie dafür nicht berühren. So etwas ist wichtig, meint Herr Weber. Er sortiert jeden ein. Er könnte ein Seminar halten über Koffer und was sie über ihren Träger aussagen. Das behauptet Herr Weber. Immer auf Augenhöhe agieren. Das empfiehlt Herr Weber. Immer „dressed for the occasion“, immer „the right tool for the right job“. Herr Weber liebt solche Sätze. Dass die aufgeklebten Ziffern für die Hubraumgröße an den Autos mittlerweile immer öfter fehlen, das findet Herr Weber blöd.

Die Dame an der Rezeption ist professionell freundlich und ich trage mein Anliegen professionell auswendig gelernt vor. Wir sind bereits im letzten Kapitel unseres immer gleichen Dialogs. „Jetzt bräuchte ich noch Ihre Anschrift für die Rechnung, haben Sie ein Kärtchen für mich?“ Ich habe das Kärtchen bereits in der Hand und reiche es über den Tresen. Sie schaut flüchtig auf den nüchternen Zettel und beginnt zu tippen, bis sie dann noch einmal schaut und kurz verharrt.

„Ach Sie sind von... „
Pause.
„Also wenn ich das nur...“
Pause.
„Das stand ja gar nicht auf ihrer Reservierung...“
Sie hält einen Zettel hoch, der sicher meine Reservierung ist.
„Wir hätten ihnen doch auch... warten sie mal kurz.“
Unsicherheit. Sie tippt in ihrem Computer herum.
„Also wir würden uns freuen, wenn wir ihnen ein Upgrade anbieten können. Junior-Suite. Also zum gleichen Preis wie das Einzelzimmer. Also Mini-Bar und das Entertainment-Paket sind selbstverständlich inklusive.“
Ich nehme das Upgrade und sie tippt wieder im Computer herum, steckt eine Plastikkarte in ein Plastikkartenlesegerät und reicht sie mir dann über den Tresen.
„Zimmer 803. Also mit dem Fahrstuhl in den achten Stock und dann rechts.“
Die professionelle Freundlichkeit kehrt wieder in ihre Stimme zurück.
„Ach und mit dem Schlüssel...“
„Morgen!“ Sage ich.
„Morgen!“ Sagt sie.

Die Fahrstuhltüren schließen und die Welt geht für einen Moment aus. Ich bin allein.
Erster Stock.
Seit einem Jahr bin ich schon allein. Nach der Einführungsphase mit Herrn Weber werde ich einfach losgeschickt. Kaltes Wasser, sagen sie. Ich bekomme mein eigenes Auto und meine eigenen Kunden. Verstreut. Über das ganze Land.
Zweiter Stock.
Ich fahre schnell. Am Anfang. Das erste Mal mit zweihundert, das erste Mal mit zweihundertzwanzig. Schnell fahren macht Spaß, schnell fahren macht süchtig. Das erste Mal Lichthupe, das erste Mal rechts überholen. Ich habe sieben Punkte in Flensburg. Nach einem Jahr. Unter Kollegen kann man mit so etwas angeben.
Dritter Stock.
Ich kaufe mir vier Anzüge und einen Koffer. Empfehlungen von Herrn Weber. Dreitausend Euro. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. „Hast du alles am Jahresende wieder drin, mit dem Bonus!“ Hat Herr Weber gesagt.
Vierter Stock.
Ich kenne die Autobahnverbindungen auswendig. Das Navigationssystem ist nur noch für die Städte da. Und für Staus. Und für Sperrungen. Und Baustellen. „Achtung, Verkehrsstörung!“ Helle, kratzige Roboterfrauenstimme. Einhunderzwanzigtausendkilometer.
Fünfter Stock.
Ich sehe das ganze Land. Die dicken Autos und großen Villen im Süden. Die zunehmende Sportwagendichte um Stuttgart und München. Die ausgestorbenen Innenstädte im Westen. Die Aldi-Edeka-Parkplatz Versorgungsinseln am Stadtrand. Die kleinen, vorgartenlosen Dörfer im Osten, deren niedrige Häuser sich so dicht an den Straßenrand drängen, dass man meinen könnte, sie würden darauf warten, dass irgendwer sie abholt und mitnimmt. Mit nach Berlin. Die langen, linealgeraden Straßen im Norden. Die Horizonte. Windräder.
Sechster Stock.
Ich weiß gar nicht mehr, wie das alles angefangen hat. Ich glaube, ich bin einfach im Auto sitzen geblieben. Auf dem Besucherparkplatz bei einem Kunden. Ich wollte niemanden sehen. Erst für zehn Minuten, irgendwann für zwanzig, dann dreißig. Noch einen Song, noch zwei. Ich erfinde Ausreden. Wichtiger Anruf, Notebookpanne. Sie wissen schon. Kann ja mal passieren. Kommt nicht wieder vor. Ich lerne richtig gut zu lügen. Ich biege auf Feldwege ab, halte in Wäldern an, telefoniere. Wird später, stehe im Stau. Vollsperrung. Etwa zwei Stunden. Ich schaue auf Felder. Noch ein Song, noch zwei. Ich schlafe in Wäldern. Der Sommer wird zum Herbst. Immer mehr Blätter auf der Windschutzscheibe. Ich lerne mich richtig gut zu belügen.
Dann ist da noch etwas. Ich habe Heimweh. Wohin? Das weiß ich nicht genau.


Siebter Stock.
Das Büro meines Vorgesetzten ist ein Reinraum. Weiße Möbel, weiße Ordner, weißer Riesencomputermonitor. Auf dem Schreibtisch nur ein weißer Zettel und darauf viel rote Farbe. Textmarkergeschmiere.“Also ihre Zahlen hier, das ist überhaupt nicht gut!“ Rote Farbe auf dem Zettel, rote Farbe in meinem Gesicht. „Hier, Fünfundachtzig Prozent zum Vorjahr!“ Finger zeigen. „Hiernurdreiundsechtzigprozent!“ Prozente, Vorjahre, Finger. Rote Farbe in seinem Gesicht. Vorjahre, Umsätze, Renditen. Ich höre auf zuzuhören. Dann irgendwann nichts mehr und nur noch weiß und er und ich und der Zettel. Schweigen. Ich will aufstehen. Ich will hinausgehen.
„Haben sie jetzt gar nichts dazu zu sagen?“ Dunkelrotes Gesicht.Ich bleibe stehen und lasse meinen Blick kurz über all diese Ordner schweifen. So sauber und schön beschriftet. Überall rechte Winkel. Ich muss an Herrn Weber denken und versuche mir vorzustellen, was er jetzt an meiner Stelle sagen würde. Selbstbewusst, forsch. Herr Weber würde das wieder hinkriegen. Ganz leicht. Wie wenig ähnlich wir uns sind. Wie leicht es wäre, so zu werden wie er. Wie sehr ich mich dafür hassen würde. Dann werde ich ganz ruhig.“Ich kündige!“


Achter Stock.
„Guten Tag Herr/Frau XXXXX! Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserem Hause! Besuchen Sie doch unser Panorama-Restaurant im 9. Stock!“ Wieder überall blau. Der Fernseher flackert seinen anonymisierten Begrüßungstext in die Junior-Suite hinein. Irgendwo in einem Einzelzimmer der unteren Stockwerke wird sicher mein Name zu lesen sein.

Das Entertainment-Paket besteht aus drei Bezahlsendern und zwei Pornokanälen. Ich wähle einen der beiden, drehe den Ton leiser, falle auf das Bett. Die Hand wandert in die Hose. Dann fällt mir Herr Weber ein und ich mache den Fernseher aus.
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Martin ist schon sehr betrunken. Das soll er auch sein. Das ist so gewollt. Andernfalls wäre das sicher sechsstellige Budget der Weihnachtsfeier auch falsch investiert gewesen. Das große Zelt, die Tänzer, das Showprogramm, die Preise. „...lassen sich ja immer was einfallen... fast noch besser als vor zwei Jahren in... soll ein kleines Dankeschön für ihre guten Leistungen sein...“ Weihnachtsfeiern halten ein ganzes Jahr nach. Manchmal mehrere Jahre. Das Weihnachten hier schon im Oktober ist, fällt nicht weiter ins Gewicht.

Ich bin zum ersten Mal dabei und für Martin ist es die zweite Weihnachtsfeier. Er ist der einzige Mensch den ich hier duze. Um ihn herum noch zwei ältere Männer aus seiner Außendienstgruppe, deren Namen ich nicht kenne. Sie spielen Quartett, vergleichen KW und PS, Vmax und Gewicht, die Fahrzeugscheine in den Händen. Irgendwann wird es ihnen langweilig und ein angetrunkener Namenloser spricht mich lallend an.

„Du warst doch mit dem Weber unterwegs, oder?“ Glasige Blicke.“Bei welcher wart ihr denn?“ Gierige Blicke.“Ja wie? Bei welcher? Willste sagen der hat dich nie mitgenommen?“ Enttäuschte Blicke.“Dann mag er dich vielleicht nicht!“ Belustigte Blicke.“Warste nie mit dem abends einen trinken?“ Ungläubige Blicke.

Manchmal braucht es nur ein ein kleines Stück und das Puzzle setzt sich von selbst zusammen. Die Wohnmobile am Straßenrand mit dem roten Licht in der Windschutzscheibe und der Fuß, der leicht vom Gas geht. Das Verschwinden am Abend und der Geruch von Alkohol und Parfum am Frühstückstisch. Die Unruhe davor und die Ruhe danach. Ich habe das nie angesprochen. Habe gedacht, er würde vielleicht in irgendeiner Kneipe verschwinden. Habe gesagt, dass ich dann fahren würde am Vormittag. Sicherheitshalber. Bin oft vormittags gefahren.

Martin erzählt mir dann irgendwann später am Abend von Herrn Weber. Die ganze Geschichte. Von seiner Familie. Seiner Frau, seiner Tochter. Davon, wie das alles dann zu Bruch gegangen ist, als die Bombe hochging. Davon, wie seine Tochter nicht mehr mit ihm redet. Wie sie fortgelaufen ist. Und ich kann nur denken, wie man wirklich aufpassen muss, dass man bei all diesem Losfahren und Hinfahren und Wegfahren das Ankommen nicht verlernt.


Die rosa Schaumsoße wird erst immer flüssiger und dann zu einem dünnen roten Faden. Himbeersirup, denke ich. Ich spüle die Zahnbürste aus und dann meinen Mund. Irgendwann muss ich zum Zahnarzt, denke ich. Irgendetwas ist da abgebrochen.

Der Badezimmerventilator faucht im Hintergrund, als ich zurück in das Hotelzimmer trete. Alles hat hier seinen Platz. Die Schuhe, der Koffer und der Kleidersack. Die Aktentasche und das Notebook. Wie das alles einfach ausreicht. Wie wenig Dinge ich wirklich brauche.
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Noch ein Monat und ich bin hier weg. Weg ist auch schon mein Auto, weg sind meine Kunden. Innendienst. Strafversetzung. Abstellgleis. Ich mache den Dreck. Jedenfalls hat Martin es so genannt. Ich sortiere Akten, prüfe Rabatte, bearbeite Reklamationen. Es gibt schon einen Ersatzspieler. Alexander heißt er, ist Trainee und ganz aufgeregt, dass es bald losgeht mit seiner Mitreise.

Wenn in der Mittagspause alle in die Kantine stürzen, dann wird es mit einem mal ganz ruhig. Keine Telefonate, keine Meetings, kein Jour-Fixe. In die Ruhe hinein dann Computerlüfterbrummen, Netzteilsummen. Elektronikhintergrundrauschen. Ich hole mein Brot aus dem Rucksack, beiße ab, schaue aus dem Fenster. Draußen Regen und Wind.

Mein Vorgesetzter geht mit Alexander über den Parkplatz, bleibt vor meinem alten Auto stehen, überreicht die Schlüssel. Alexander geht um den Wagen herum, der Wind zerzaust ihm die Haare. Er lächelt, spricht. Dann sieht er hoch und mich am Fenster sitzen. Er winkt und zeigt mit der freien Hand auf den Schlüssel in der anderen, lächelt wieder. Ich lege das Brot auf den Tisch, hebe den Arm und strecke den Daumen in die Luft.


Die Asiaten machen Lärm. Sitzen da und sprechen in diesen quäkigen Lauten. Man kann sie im ganzen Frühstückssaal hören. Sitzen da in ihren Anzügen und brüllen sich gegenseitig an. Sitzen da mit ihren riesigen Portionen, die sie doch niemals aufessen können. Als würde es nicht reichlich geben, als würde es nicht genügen.

Auf dem Namensschild steht „Direktor“. Ganz klein unter dem Namen, als wäre es nicht weiter wichtig. Und doch steht es da. Der Mann grüßt und steht kurz da als müsse er nachdenken, was er gleich sagen soll. Das hier ist ihm unangenehm, das ist ganz leicht zu erkennen.

„Ich...ähhh...ich hoffe sie haben gut geschlafen?!“
Er wartet die Antwort nicht ab, redet direkt weiter.
„Wir möchten uns für die ... mhhh ... Unanehmlichkeiten entschuldigen und würden uns freuen, die Kosten für ihren Aufenthalt übernehmen zu dürfen.“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll und noch bevor ich eine Antwort beisammen habe streckt er mir seine Hand entgegen.
„Ich... ähhh... möchte natürlich auch mein ganz persönliches Beileid ausdrücken.“
Ich reiche die Hand und schüttle seine.
„Danke. Das ist ja nicht ihre Schuld.“
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Ich bekomme meine Augen nicht los von diesen Ordnern. Wer macht so etwas? Wer betreibt so einen Aufwand? Diese präzise aufgeklebten Etiketten. Die aufsteigende Nummerierung. „Herr Weber ist tot.“

„Aha.“ Hätte ich beinahe geantwortet. So, als ob der Satz, der da jetzt im Raum zwischen uns steht, nur irgendeiner gewesen wäre. So, als wäre es mir egal. So, als hätten wir nicht alle irgendwann damit gerechnet. Als wäre es eine akzeptable Möglichkeit. Als hätte ich nicht schon immer über all das nachgedacht, was passieren kann.

Die kleine Unaufmerksamkeit bei hoher Geschwindigkeit. Die übersehene rote Ampel. Der geplatzte Reifen auf der Autobahn. Spurwechsel ohne Blick in den Rückspiegel. Vierzigtonner und Stauenden. Die junge Mutter, die auf die Gegenfahrbahn gerät, als sie nach ihrem schreienden Kind auf dem Rücksitz schaut. Feuchtes Laub in Kurven. Sekundenschlaf. Blitzeis. Wo hört der Zufall auf? Wo fängt Statistik an? Ich habe noch immer nichts gesagt, den richtigen Moment verpasst.

„Sie holen den Wagen zurück. Und alle Unterlagen, die Firmeneigentum sind.“ Mein Vorgesetzter schiebt Zettel über den Tisch. „Ihre Hotelbuchung und ihr Bahnticket. Der Wagen steht auf dem Parkplatz, die Tasche hat das Personal schon in den Kofferraum geladen nachdem sie das Zimmer geräumt haben. Und jetzt machen sie mal!“

Das große Stück, das aus dem Waschbecken herausgerissen ist. Der Haartrockner, der am Kabel der Wandhalterung hängt und hin und her baumelt und noch immer wie wild pustet, als müsse er das alles noch trocknen. Als könne er all das Blut auf den Fliesen trocknen. Als würde dann alles wieder gut werden.

Die weißen Bettlaken und Decken, die so sauber aussehen sollen, aber alles sichtbar machen. All die Haare und Hautschuppen. Die durchgelegene Matratze. Darauf ein Körper, der aussieht, als würde er schlafen. Als würde er immer weiter schlafen. Der Fernseher, der noch läuft. Frühstücksprogramm. Es wäre Zeit jetzt aufzustehen.

Der Wind, der all die kleinen Hinweisschilder und Papieraufsteller durch den Raum geweht hat. Der Wind, der langsam durch die Fernsehzeitung blättert und das geöffnete Fenster immer wieder gegen den Rahmen schlagen lässt. Der Schatten unten im Gras, acht Stockwerke tiefer.

Die Gestalt, die Mitten im Raum zu schweben scheint. Der Ledergürtel, der einmal über hundert Euro gekostet hat und all das Gewicht, das jetzt an im hängt, so spielend hält. Ich habe nie gefragt, wie es wirklich war. Ich habe das nicht wissen wollen, weil das so viel geändert hätte. In die eine oder andere Richtung.
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„Ich bräuchte noch die Schlüssel und die Papiere vom Wagen. Und mit der Bezahlung, da hat ihr Chef...“
„Ich weiß schon bescheid!“ Die Dame an der Rezeption ist eine andere als gestern.
„Warten Sie mal kurz, ihre Unterlagen habe ich in unserem Safe.“ Sie dreht sich um und verschwindet in einem Büro.

Ich stehe am Tresen und schaue auf das Holzkästchen mit den Broschüren von Ausflugszielen der Region. Einen Wildpark gibt es hier. Eine Brauerei kann man besichtigen. Eine Liste mit ortsansässigen Ärzten und Apotheken. Für den Fall der Fälle. Ich schaue in die Lobby. Die große Glasfront und die beiden Automatiktüren, die das Kalte draußen und das Warme drinnen halten.

Haben sie ihn da durchgeschoben? An den Blicken der gierigen Asiaten vorbei? Vielleicht doch durch den Hinterausgang? Mit einem Serviceaufzug? Gibt es für solche Fälle Regelungen? Leitfäden von der Zentrale? Pläne in Schubladen? Wer entscheidet so etwas?
Die Dame ist aus dem Hinterzimmer zurück und legt einen Schlüssel und die Mappe mit dem Fahrzeugschein auf den Tresen.

„Wenn sie jetzt noch hier kurz den Erhalt quittieren würden?! Nur zur Sicherheit.“ Ich unterschreibe, nehme beides in die Hand, grüße, greife meinen Koffer und wende mich zum Gehen.
Aus der Mappe fällt ein kleines Stück Papier, überschlägt sich in der Luft, kommt mit der bedruckten Seite auf dem Boden auf und gleitet noch für einen halben Meter über die spiegelglatten Fliesenplatten. Ich gehe hinterher, bücke mich, hebe es auf. Ein Foto.

Das Mädchen ist vielleicht achtzehn oder neunzehn. Wie hübsch es ist. Sitzt auf einem Baumstumpf und drumerhum sind Wald und Blätter und Herbst. Das Foto ist etwas abgegriffen und das Mädchen wird mittlerweile sicher älter sein. Ich weiß nicht genau warum, aber ich bin mir in diesem Moment sehr sicher. Hatte er das Foto gemacht? Warum hatte er nie erwähnt, dass er eine Tochter hatte? Das hätte man doch erzählen können. In all den Stunden im Auto. Da wäre doch nichts dabei gewesen.

Ich schaue kurz zurück. Die Dame an der Rezeption telefoniert und blickt auf ihren Computerbildschirm. Ich schaue auf das Foto. Dann falte ich es einmal in der Mitte und stecke es in meine Hosentasche.
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