Kurzgeschichten

Sonstiges Lebensart
 
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Mister Ad
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Schon mal bei Amazon geguckt? Vielleicht wirst du dort fuendig.

 
Sehr gut, bin auf die nächsten gespannt! D
Aber auch tröst
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Danke dir - für beides! )
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Editiert: 04.08.16, 08:55 Uhr

Überall der Staub



Das Erdgeschoss und die Tür der Anwaltskanzlei, weiß und groß und oben mit Milchglas, daneben das Schild mit dem Paragraphenzeichen „Rechtsanwalt- und Notar“.

Das Zwischengeschoss in dem sicher nie etwas von Belang geschieht. Ermahnungen, die Jacke noch zu schließen, Möbelpacker die fluchen, weil das Sofa doch nicht passt. Maximal.

Der erste Stock und die Tür mit den Schuhen davor, von ganz klein bis ganz gros und daneben das Schild aus Ton mit den Abdrucken von Kinderhänden „Johannes, Christina, Sarah und Mia“.

Das nächste Zwischengeschoss, wo dann immer -

- Da sind Sie ja, Herr Nils! Ich habe auch schon gewartet.

Frau Hopp wartet immer und es ist ganz egal, ob ich fünf Minuten zu früh oder eine Viertelstunde zu spät komme. Ich überlege, dass Frau Hopp auch gar nichts anderes bleibt, als zu warten. Auf Barbara Salesch, auf ihre Tochter und auf mich.

Der zweite Stock und Frau Hopp. Vorwurfsvoller Blick, jedes Mal. Ich sage dann immer Sachen wie
- Jaja, der Verkehr, sie wissen ja!
Und sie sagt dann so etwas wie
- Naja, jetzt sind sie ja da. Kommen Sie erst einmal rein.

Dann verschwindet sie hinter der Tür vor der nur eine graue Matte liegt und neben der ein schmales Kupferblech hängt. „Hopp“.
Dann verschwinde ich auch und kurz bevor die Wohnung uns beide verschluckt hat und ich die Tür hinter mir schließe, atme ich noch einmal tief durch, weil das ja gleich nicht mehr geht, weil Frau Hopp ja raucht, die guten Lord, ständig.

Die Wohnung ist eine Höhle. Alles ist eng und klein und dunkel und weil jetzt Herbst ist, kommt auch kein Licht von draußen durch die kleinen Dachluken herein. Frau Hopp steht im Flur und erzählt. Vom Wetter, vom Ferseherreparaturdienst und von Barbara Salesch, der Bekämpferin allen Übels in der Welt.

Und wie sie so da steht, in ihrer weiten braunen Stoffhose, der weißen Bluse und der roten Filzweste und weil sie so klein ist und hager und weil sie diesen Pagenschnitt tragt, da denke ich an eine Zwergin. So müssten die wohl etwa aussehen. Und wenn Frau Hopp eine Zwergin ist, dann bin ich der Ritter mit dem weißen Wams und dem roten Kreuz auf der Brust. Ein Kreuzritter und sein Kreuzzug - gegen den Staub.

Frau Hopp wäre schwierig, meinte die Leiterin der kleinen Rotkreuzstation. Eigen. Gründlich. Fordernd. Wolle immer den gleichen Zivi haben, keine Wechsel. Und immer Donnerstags von zwei bis vier. Eine Stunde putzen, eine Stunde einkaufen. Mobile Soziale Dienste und Essen auf Rädern.
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Ich fange in der Küche an und wische das Linoleum und sauge den Teppich. Alles ist alt. Alles klebt. Das Linoleum wirft Falten und darunter sammelt sich der Dreck. Alter Dreck. Schmieriger Dreck. Aber den sieht Frau Hopp nicht oder er ist ihr egal. Im Schlafzimmer das Doppelbett, das so unglaublich riesig ist im Vergleich zu seiner kleinen Besitzerin.

Frau Hopp kommt in den Flur und erzählt. Von früher, von jetzt, von Barbara Salesch. Davon, wie ihr Vater von Dach gefallen ist und sie die Familie als älteste Tochter über die Runden bringen musste. Davon, wie dunkel alles draußen ist und auch gefährlich. Dann geht sie wieder und da sind nur noch ich, der Flur und der Teppich, der sicher einmal sehr teuer war, aber leider auch sehr braun ist und alles noch so viel dunkler macht, als es ohnehin schon ist.

Der Blick in das düstere Wohnzimmer wo Frau Hopp in ihrem Ohrensessel viel zu nah am Fernseher sitzt und den Rauch in Richtung Decke speit, der sich dort kleine, vom Fernseherlicht beschienenen Wirbel zerteilt, die sich dann unter der gelbweißen Decke verlieren, während Barbara Salesch ihre Urteile viel zu laut in den Raum hinein spricht.

Ihren Sessel trägt sie immer selbst hin und her, damit ich ordentlich darunter saugen kann. Das sollten sie besser mich machen lassen, habe ich anfangs noch gesagt. Es hat nichts geändert. Unter ihrem Sessel raschelt und klackt es im Staubsauger, als würden Kinder mit Murmeln spielen.

- Da ist überall der Staub!
Sagt Frau Hopp.
- Da ist überall der Staub.
Immer wieder.
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Editiert: 04.08.16, 08:57 Uhr
Die große Kommode mit all den Familienfotos mit diesen seltsam fleckigen Fotostudiohintergründen. Die Messingglocke für 25 Jahre Mitgliedschaft im Ortsverein der SPD. Das große Bild in der Mitte mit dem silbernen Rahmen, zu dem ich beim staubsaugen immer hinsehe, weil ich mich in das Mädchen verliebt habe, was darauf zu sehen ist. Meine große, heimliche Staubsaugerliebe. Daneben ihre Eltern, davor die winzig kleine Frau Hopp. Irgendwann hatte sie mir das mal alles erklärt. Mit ihrer Tochter und ihrem Mann und dass der ja jetzt nicht mehr ist weil er sich umgebracht hat und dass jetzt nur noch ihre Tochter da sei, aus Münster und halt ab und zu ihre Enkelin. Die schreibt aber nur Karten. Aus aller Welt.

Ihre Tochter kommt einmal in der Woche. Besorgungen, Arztbesuche, eine Stunde dann noch sprechen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Das Badezimmer, bei dem sich der Architekt des Hauses einen üblen Scherz geleistet hat, indem er es nur über neun Stufen hinab erreichbar machte. Wie ein kleiner Fuchsbau am Ende des Flures. Die stumpfen grünen Fliesen, der zottelige Badvorleger, das abgeplatzte Emaille in der Blechbadewanne, die Toilette mit den braunen Stippen.

Aus dem Fuchsbau zurück erwartet mich Frau Hopp bereits. Spezialauftrag. Hatte sie bereits angekündigt. Sie hat einen Schlüssel in der Hand und dreht ihn im Schloss der tapezierten Tür, hinter der der einzige Raum der Höhlenwohnung liegt, den ich vorher nie betreten durfte. Ich male mir eine Zwergenschatzkammer aus und bin vom Kontrast zu meiner Fantasie sehr ernüchtert. Ein Arbeitszimmer.
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Schwerer, dunkler Sekretär, dazu ein Regal und meterhohe Kleinerdschranktürme.
- Da ist überall der Staub!
Frau Hopp und zeigt oben auf die Schränke und geht kurz hinaus und kommt zurück mit einer kleinen Leiter und einer alten Unterhose.
- Macht Ihnen doch nichts aus, Herr Nils? Spart Staubtücher!
Es macht mir nichts aus und ich steige auf die Leiter und beginne zu wischen.

Und dann steht sie da und wirkt von oben noch so viel kleiner und sie fangt einfach so an zu erzählen, von früher, vom Krieg, vom Osten, vom Russen, vom hastigen Aufbruch, vom Versteck im Wald, von ihrer Entdeckung und von dem, was danach kam. Allem, was dann kam. Anfangs fuchtelt sie noch mit der Hand herum, will Worte mit Gesten unterstreichen, wird dann immer unbeholfener, die Hand beginnt an der Hosentasche herumzunesteln und am Ende steht sie einfach nur so da und schweigt und auch ich stehe einfach nur so da, auf der Leiter, mit ihrer der alten Unterhose in der Hand und mein Kopf brummt und ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Und ich merke, wie es in meinem Kopf anfangt zu prickeln wie Kohlensäure und glaube, dass ich etwas sagen sollte und ahne, dass mir nichts einfallen wird und deshalb halte ich einfach den Mund und Frau Hopp halt jetzt auch den Mund und wir schauen uns einfach nur an und sind dann irgendwann beide schrecklich verlegen und Frau Hopp sagt dann so etwas wie „Naja, das ist ja nun auch schon eine ganze Weile her“ und dann verschwindet sie einfach so wieder und lasst mich stehen, oben auf der Leiter, die Unterhose noch immer in meiner Hand.

Die frische Luft bis zum Auto, die zwei Kilometer bis zu REAL. Eintopfkonserven und Bananen. Davon lebt Frau Hopp. Und von den „guten Lord“, bei denen ich immer extra laut sage, dass ich dringend den Kassenzettel benötige, weil das ja im Auftrag gekauft sei. Die zwei Kilometer zurück, die frische Luft, das Treppenhaus und Frau Hopp, die schon wieder wartet und mir die Tüten abnimmt und alles auf den Küchentisch wuchtet. Am Anfang hat sie das Wechselgeld noch immer nachgezählt und mit dem Kassenzettel abgeglichen. Mittlerweile tut sie das nicht mehr. Oder vielleicht tut sie es später.

- Dann vielen Dank und bis Donnerstag, Herr Nils.
- Auf Wiedersehen Frau Hopp.
Sieben Monate. Jeden Donnerstag.
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Editiert: 04.08.16, 09:31 Uhr
Das Erdgeschoss und die Tür der Anwaltskanzlei, weiß und groß und oben mit Milchglas, daneben das Schild mit dem Paragraphenzeichen „Rechtsanwalt- und Notar“.

Das Zwischengeschoss.

Der erste Stock und die Tür hinter der Johannes, Christina, Sarah und Mia lärmen.

Das nächste Zwischengeschoss, wo dann immer -

Nichts. Frau Hopp ist nicht da. Ich drücke auf die Klingel. Ich klopfe an die Tür.

- Frau Hopp?
Klopfen, Hämmern.
- Frau Hopp!
Nichts.

Ich gehe nach unten und klingle, aber die Frau die mir öffnet kann mir auch nichts sagen, während Johannes von hinten kräht, wer denn da an der Tür sei.
Ich telefoniere mit der Leiterin der kleinen Rotkreuzstation und danach mit der Polizei.

Als ich dann im Zwischengeschoss neben der Mutter von Johannes, Christina, Sarah und Mia stehe und die Fragen der netten Polizistin beantworte, während ihr Kollege mit der Faust weiter oben immer wieder gegen die Tür hämmert, will mir der Gedanke nicht aus dem Kopf gehen will, dass auf diesem Teil der Treppe schon lange nicht mehr so viele Menschen waren.

Der Rückruf vom der kleinen Rotkreuzstation. Man hat die Tochter von Frau Hopp erreicht. Frau Hopp ist nicht hier. Frau Hopp ist Münster. Im Hospiz. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Endstadium.

Man hatte vergessen uns zu informieren.

Und ich stehe da, in diesem Zwischengeschoss und mit einem Mal ist das Prickeln wieder da. Überall.
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Toll, wenn man das bei all der Melancholie sagen kann.
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)
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Mondmission



Wie sie alle lachen. Wie fröhlich alle sind. Wie perfekt das zu sein scheint. Ich klicke weiter und weiter. Dein Fotoblog, ein Werbekatalog. Wie schaffst du das, die Leute so zum lachen zu bringen? Alles wirkt so echt, so lebendig, als könne man es anfassen.

Ich war zwölf und du die Neue in der Klasse.

- Das ist die Julia, sie ist neu in der Stadt, weil ihr Vater die Stelle gewechselt hat.

Du hast irgendwo hinten links gesessen und nicht viel gesagt und keiner hat zu dir viel gesagt.
Es hat eine Woche gedauert, oder vielleicht auch zwei bis ich gemerkt habe, dass das du bist, die da hinter mir mit dem Rad fährst. Ich habe angehalten und du aufgeholt und ich habe die Hand ausgestreckt.

- Hallo.
- Hallo, ich bin Julia.
- Ich weiß.

Deine Familie ist zwei Straßen weiter in ein Reihenhaus gezogen. Wir hatten den gleichen Schulweg und du hast ab da jeden morgen auf mich gewartet. Wir sind gefahren und haben geredet. Über Lehrer, über Hausaufgaben, so etwas halt.

Ich war vierzehn und du hast immer gewartet und dein Fotoapparat war auch immer mit dabei. Sogar auf dem Schulweg. Alles hast du fotografiert. Vögel, Pflanzen, Bordsteinkanten, Zigarettenstummel. Ich habe deine Fotos nie gesehen und mich gefragt, was du in all diesen Dingen siehst, die du da fotografierst.

- Kannst du mir vielleicht in Mathe helfen? Ich steck' da gerade irgendwie fest.
- Wenn du mir in Englisch hilfst haben wir einen Deal.
- Deal.
Deine Mutter war sehr nett. Kuchenstücke oder Kekse. Deinen Vater habe ich nie gesehen. Ich habe dein Zimmer sehr gemocht, weil es überall etwas zu sehen gab. Kurt Cobain über dem Bett, der wacklige, mit Aufklebern übersähte Kleiderschrank, die Kamerasammlung von deinem Opa.

In der Schule hast du nie ein Wort mit mir geredet. Überhaupt hast du da nie viel gesprochen. Manchmal dachte ich, dass du zwei Menschen bist.

Ich war sechzehn und bin wieder allein von der Schule nach Hause gefahren. Deine neuen Freunde wollten noch in die Stadt und du mit ihnen. In den Pausen hast du in der Raucherecke gestanden, du hast deine Haare kurz geschnitten und irgendwann nach der Volleyballstunde hat mich ein Typ in der Umkleidekabine gefragt, ob ich wüsste, ob du einen Freund hättest, oder ob er sein Glück mal versuchen könnte und ich habe nur mit den Schultern gezuckt.
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Ich war siebzehn und du warst morgens einfach nicht mehr da. Ich bin zu deinem Haus, habe geklingelt und deine Mutter hat gesagt, dass Stefan dich gerade schon abgeholt hätte. Stefan habe ich dann irgendwann nachmittags auf dem Schulhof gesehen. Vierundzwanzig oder Fünfundzwanzig vielleicht. Roter, tiefergelegter Golf II.

Nach vier Wochen warst du wieder da. Fuhrst hinter mir her ohne etwas zu sagen. Dann neben mir.
- Stefan, hm?
Und in deinen Augen hat es kurz aufgeblitzt und du hast mir einen Stoß versetzt, der mich fast in den Graben katapultiert hätte. Dann hast du angefangen zu weinen und ich wusste nichts Schlaues mehr zu sagen.

Ich war achtzehn und du ein Phantom. Mal warst du da und mal wieder nicht. Die Stefans wurden mehr. Oder Daniels, oder Tobiasse. Ich habe mich gefragt, was du denn von denen willst. Ich habe mich gefragt, wie oft dein Herz gebrochen wurde und wie viele du gebrochen hast. Dich habe ich das nie gefragt.

- Warte mal.
- Warum, was denn?
- Mach mal ein Foto von mir.
An diesem einen Morgen hast du die Kamera aus deiner Tasche geholt und mir in die Hand gedrückt. Wir haben die Fahrräder abgestellt und sind ein paar Meter in den Wald hineingegangen. Du hast gesagt, dass alles jetzt richtig eingestellt ist und dich dann auf einen Baumstumpf gesetzt.

Wie du geleuchtet hast im Sucher. Wie schön du in diesem Moment warst. Irgendwo in meinem Magen war da so ein großer Klumpen und ich wollte zu dir hingehen und dich in den Arm nehmen. Einfach so.
Klick.
- Kann ich davon einen Abzug haben?
- Nee, das Foto gibt's nur einmal. Ist ein Geschenk.

Ich war neunzehn und du ein Geist. Also fast. Ich habe dich in der Schule gesehen, auf dem Schulhof. Der Blick nach unten oder aus Stein. Du hast deine Haare eine Woche lang grün gefärbt und in der nächsten blau. Einmal habe ich unter deinem Pulloverärmel einen dünnen Verband hervorschauen sehen.

Irgendwann bin ich zu deinem Haus gefahren und habe geklingelt. Deine Mutter hat geöffnet und mich nur angesehen und geweint.
- Julia ist nicht da.

Meine Mutter hat dann nach einigen Wochen beim Kaffeeklatsch in der Nachbarschaft die ganze Geschichte erfahren. Wie dein Vater eine neue Frau aus der Nachbarstadt kennengelernt hat und zwei Welten untergegangen sind, damit eine Neue entstehen kann.
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Nach dem Abitur warst du weg. Also mehr als du es vorher schon warst. Als hätte der Wind dich mitgenommen. Es war Zufall, dass ich an eurem Haus vorbei musste, aber ich konnte das Schild nicht übersehen.

Zu verkaufen.

Ich war sechsundzwanzig und ich habe nicht mehr oft an dich gedacht. Wie ich ohnehin weniger dachte, als früher noch.

- Ist das immer noch deine Handynummer? Papa ist tot. Beerdigung am Montag. Kann ich bei dir pennen? Julia.

Am Bahnsteig war es eiskalt und ich hatte meine Hände ganz tief in den Hosentaschen vergraben. Wie sollte ich dich begrüßen? Was war hier richtig, was angemessen? Ein Händedruck, eine Umarmung, ein Kuss auf die Wange? Ich habe noch überlegt als der Zug einfuhr.

Und dann warst du da. Als hätte der Wind dich wieder zurückgebracht. Und ich musste an den Tag mit dem Foto denken und in meinem Magen war da wieder dieser Klumpen. Du hast die Hand ausgestreckt. Unter dem Ärmel, wo mal der Verband war, lugte nun ein Tattoo hervor.

- Hallo, ich bin Julia.
Du hast gelacht. Du hast mich in den Arm genommen.

- Was? Ein Haus mit sechsundzwanzig? Ich dreh am Rad.
- Naja, es bot sich halt irgendwie an.
- Was bist du denn jetzt eigentlich? Bänkerbonze?
- Sowas in der Art.
Ich habe mich fast geschämt vor dir. Aber du hast nur dagesessen in meinem Wohnzimmer und hast mich angesehen und gelächelt. Und dann hast du erzählt. Von London, von Oslo, von Barcelona, von Vietnam und hast gar nicht mehr aufgehört zu erzählen und ich habe einfach dagesessen und zugehört und kam mir dabei vor, wie diese Maus in diesem Kinderbuch, die die Sonne für den Winter sammelt. All die Farben und Sonnenstrahlen in deinen Worten.

Dann hast du irgendwann aufgehört zu erzählen und ich habe dagesessen und dich angesehen und wusste nicht, was ich sagen soll.
Die Tränen kamen so unerwartet. Ich holte ein Taschentuch aus der Küche und reichte es dir.
- Papa ist tot.
Dann brach es aus dir heraus, erst ganz langsam, dann immer schneller. Der Alkohol, die Bettgeschichten, die Prostituierten, die neue Frau, dein Vater, deine Mutter und irgendwo auch du.
Dann die Jahre ohne Vater und jetzt ein Leben ohne Vater. Ein Sprung. Irgendein Hotelfenster, irgendwo im Nirgendwo.
Ich habe dich in den Arm genommen. Und du hast geweint. Und geweint. Und geweint. Du bist auf meinem Sofa eingeschlafen.
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Ich wünschte, dein Taxi wäre später gekommen, oder auch gar nicht. Hatte noch angeboten, dass ich dich zum Friedhof bringen könnte, aber du wolltest nicht.
- Ich muss mich meinen Dämonen alleine stellen.

Das Lächeln, das nur ein Halbes war. Aus dem Mund nur frostiges Schwarzweiß. Ich habe dich in den Arm genommen, fester gedrückt als vielleicht gut war.
- Mach's gut.
- Mach's auch gut, Julia.

Das Taxi hupt. Der Kofferraum, die Tür, eine Hand aus dem Fenster, meine Hand in der Luft. Ich habe die Tür geschlossen und alles hat mit einem Mal ganz klein gewirkt.
Ein Summen, mein Handy.
- mondmission.tumblr.com )

Ich bin dreiundreißig und du bist überall. Deine Fotos sind überall. Und die Menschen, die so toll lachen und die Sonnenstrahlen, die so warm scheinen und die Farben die so leuchten, als wären sie direkt aus dem Malkasten gefallen. Und irgendwo auch du. Und ich bin bei dir. In Rio, in Sydney, in Montreal. Und ich weiß, dass du auch lachst, irgendwo hinter der Kamera und ich muss auch lachen und der Klumpen in meinem Magen ist wieder da.

Die Tür hinter mir wird ruppig geöffnet.
- Papapapa! Frühstück! Frühstück!
- Ich komme sofort.
Ich mache den Monitor aus und schließe deine Welt um meine wieder zu öffnen.
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love (
Schade, dass es die Adresse nicht wirklich gibt gumbo
So kurze Texte und doch steckt da viel Geschichte und Seele drin, find' ich klasse, auch die Art.
Blog?
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Danke dir. )
Ich habe mal gebloggt, es dann aber bleiben lassen. War auch später nur noch so ein Link-Spam.
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Zehn Teile Schwefel



Reebok, Größe 42. Der Schuhkarton lag vor uns auf dem großen Stein.
- Na mach schon auf.
Dominik war ungeduldig und schaute mich gespannt an.
- Was ist den da drin?
- Findest du heraus, wenn du's aufmachst!
Ich beugte mich über den Stein und spürte die Wärme, die von ihm ausging in meinem Gesicht. Dann nahm ich den Deckel und hob ihn einen Spalt breit an, konnte aber nichts erkennen.
- Kannst ruhig ganz auf machen. Der haut nicht mehr ab.
Ich öffnete den Deckel komplett.
Der Vogel sah kaputt aus. Wie ein Spielzeug, auf das jemand getreten ist. Die Flügel standen wie seltsam abgebrochene Äste nach oben ab. Das Tier zitterte und drehte den Kopf schnell hin und her. Irgendwoher tropfte etwas Blut. Es schimmerte auf den Federn, als hätte jemand sein Marmeladenmesser daran abgestreift.
- Der ist hin. Ist bei uns vorhin gegen das Wohnzimmerfenster geflogen.
Dominik schloss den Deckel wieder, steckte den Karton zurück in seinen Rucksack.
- Was haste denn mit dem jetzt vor?
- Der wird Testpilot.

Ich glaube, dass ich fast mehr mit seiner Playstation befreundet war als mit Dominik, also für diesen Winter und den halben Sommer, in dem wir mal so etwas ähnliches waren wie Freunde. Einmal, also vor dieser Zeit, hat er mir die Brille von der Nase geschlagen. In der Schulpause. Ich habe im Büro des Direktors wegen der blöden Brille rumgeheult und Dominik hat den Direktor und mich mit funkelnden Augen angesehen, so wie er immer jeden angesehen hat, der ihn getadelt hat. Oder provoziert. Oder gehänselt.

Die hohe Stirn, der schmächtige Körper, die lockigen Haare, das leicht verkümmerte Ohr, der eigenartige Geruch. Vorlagen, Ziele. Alle gegen einen, keiner gegen Alle. Und ich war froh, dass es ihn gab. Weil es dann nicht gegen mich ging. Die Federmappe, die auf einmal fehlt. Das Bein, das da im Weg ist. Die Riegen im Sportunterricht, wo einer übrig bleibt. Petze, Petze. Die funkelnden Augen.

Pause. Ich hatte eine Videospielzeitung auf dem Tisch liegen. So eine mit großen Bildern, wenig Text und vielen Cheat-Codes. Dominik stand dann irgendwann einfach hinter mir und begann zu reden. Er fragte nach meinem Computer, den ich mir vom Konfirmationsgeld gekauft hatte, erzählte von seiner Playstation. Und zum ersten Mal habe ich Dominik reden gehört. Wirklich reden gehört. Ob wir uns nicht mal treffen könnten. Eine Runde zocken. Ja. Warum nicht.
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Kästen, viele beige Kästen. Oder auch mal weiß. Dazu abgemessenes Grün und Parkplätze, bei denen man die trennenden Linien nur noch ahnen konnte. Viele Parkplätze. Man brauchte hier ein Auto. Ein vergessener roter Ball in einem niedrigen Busch. Braune Fahrräder mit abgebrochenen Leuchten. Klingelschilder mit unaussprechlichen Namen. Dominik wohnte am Stadtrand.

Es war niemand da. Also niemand außer Dominik. Ich lernte später, dass seine Mutter ständig irgendwo unterwegs war und Martin, sein Vater, nein, sein Stiefvater, entweder zur Schicht war oder gerade schlief. Dann war da noch Fabian. Sein Bruder, nein, Halbbruder. Der war aber noch ein Baby. Eins, oder vielleicht zwei.

Den Möbeln in Dominiks Zimmer fehlte jede Stabilität und sie schienen nur von dünnen Metall- oder Holzstiften zusammengehalten zu werden. Überall Spalten. Alles wackelte. Das wellige Poster von Lara Croft über dem kleinen Fernseher, die unfertige Coladosensammlung, die Bettwäsche von Michael Schumacher. Das Fenster und der Blick auf einen dieser Hauskästen. Und die Playstation.

Meine Daumen haben immer noch Tage später weh getan. Tekken 2 gegeneinander bis spät in die Nacht, früh in den morgen hinein. Manchmal auch Final Fantasy VII. Dominik hat dann gespielt und ich habe zugesehen. Nur zugesehen. Stundenlang. Wir haben nicht viel miteinander geredet und doch war es irgendwie in Ordnung so.
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Ich weiß bis heute nicht, ob die Pistole echt war. Dominik war ganz aufgeregt, da unten im Keller. Wollte mir etwas zeigen, hatte er gesagt. Die Pistole lag in einer einfachen schlosslosen Box aus Holz. Vom Vater oder Opa seines Stiefvaters, oder so. Noch aus dem Krieg. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm glauben sollte. Dominik konnte sehr gut lügen. Er hat Pistole aus der Box genommen, in der rechten Hand gewogen, auf mich gezielt und dreimal abgedrückt.
-Du bist tot.
Dann hat er sie wieder eingepackt und ich habe das Ding nie wieder gesehen.

Einmal hat es an die Fensterscheibe seines Zimmers geklopft. Zwei Mädchen. Dominik öffnete das Fenster und die Mädchen fragten, ob er nicht Zigaretten für Sie hätte. Dominik ist aufgesprungen und irgendwo in der Wohnung verschwunden und ich saß da und sah zu den beiden Mädchen hinüber und konnte nicht hören, was die eine zur anderen gesagt hatte, was da so witzig war, dass sie beide loslachen mussten, dort auf dem Rasen im Raum zwischen den Kästen.

Dominik kam mit drei Zigaretten zurück, die sicher nicht seine waren. Er gab den Mädchen zwei und steckte sich die dritte in den Mund. Ein Bein war schon fast aus dem Fenster, da drehten sich die Mädchen einfach um und liefen davon. Und Dominik saß da, so halb drinnen und halb draußen und nahm die Zigarette und warf sie an die Wand, von wo sie dann bröselnd hinter dem Bett verschwand.

Ein anderes Mal wollte Fabian nicht aufhören zu schreien. Hat gebrüllt wie am Spieß. Wir sollten mal eben aufpassen, während seine Mutter raus war und Martin seinen seltsamen Schichtarbeiterschlaf schlief. Fabian brüllte und brüllte. Dominik brüllte zurück. Und irgendwann hat er ihn gepackt und von seiner Decke hochgenommen und geschüttelt und seine Augen haben wieder so seltsam gefunkelt.
- Halt's Maul! Halt die Fresse!
Ich hatte Martin in gar nicht in der Türe bemerkt. Mit einem großen Schritt war er bei Dominik, eine Hand am Hals, die andere am Gürtel und in Sekundenbruchteilen hatte er ihn erst hoch in die Luft gehoben und dann gegen Wand mit dem Lara Croft Poster gedrückt.
- Du hässliche Mißgeburt!
- Ich töte dich! Ich töte dich!
Dominiks Arme ruderten in der Luft herum und er versuchte seine Zähne in die Hand an seinem Hals zu schlagen. Chancenlos.
- Aufhören!
Meine dumme, sich überschlagende Stimme. Martin sah zuerst mich an und dann Dominik. Dann ließ er von ihm ab und Dominik rutschte an der Wand hinunter. Martin griff nach der Playstation, riss sie aus dem Regal und warf sie gegen die gleiche Wand, gegen die Dominik vor ein paar Wochen noch die Zigarette geworfen hatte. Dann war er verschwunden. Dominik stürzte auf sein Bett und seine Finger tasteten die Playstation ab, als könne er sie so reparieren.
- Meinst du, die funktioniert noch?
- Geh jetzt besser.
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Im Chemieunterricht saß Dominik ganz vorne. Weil die Lehrerin ihn da besser sehen konnte, nach der Sache mit der Salzsäure im letzten Halbjahr. Wir destillierten gerade Alkohol aus Rotwein und ich konnte zwischen Liebigkühlern und Bunsenbrennern nicht alles erkennen, aber ich sah, wie Dominik unsere Lehrerin etwas fragte. Sie schien sich zu freuen, dass sich jemand für Chemie interessierte, verschwand für einen Moment im Hinterzimmer und kam dann mit einem dicken Buch wieder. Dann schlug sie eine Seite auf und Dominik übertrug etwas daraus in sein Heft.

- Sind das Kerzen?
- Schrotpatronen. Also Schrotpatronenhülsen. Leergeschossen, oder so.
Ich hatte aufgehört, Dominik zu fragen, woher er den Kram immer hatte, den er hatte. Wir standen draußen auf einem der vielen leeren Parkplätze vor den vielen Kastenhäusern und Dominik hatte mit einem Mal drei dieser Hülsen aus seiner Cargohose gezogen und in der Hand. Er gab mir eine. Ich staunte über sein handwerkliches Geschick. Er hatte die einst offene Oberseite mit Gips verschlossen, dann ein Loch hineingebohrt in dem dann wiederum ein Wunderkerzenstummel steckte. Ich schüttele die Patronenhülse.
- Was ist da drin?
- Schwarzpulver. Hab ich selbst gemacht. Wenn du noch Metallsplitter reinpackst ist das eine Handgranate.
Wie um mir zu zeigen, dass er nicht übertrieb zündete einen der Wunderkerzenstummel an und schleuderte sein Wurfgeschoss in hohem Bogen quer über den Parkplatz. Wir hielten uns die Ohren zu. Warteten. Nichts.
- Funktioniert vielleicht nicht?
- Vielleicht nicht mit werfen? Warte!
Er sammelte den Blindgänger ein, lief vielleicht zwanzig Meter weiter, legte eine der anderen Kapseln auf den Boden, hielt sein Feuerzeug daran. Dann rannte er los. Noch ehe er wieder zurück war gab die Kapsel ein lautes Ploppen von sich und drehte sich einmal um sich selbst. Dominik schien enttäuscht.
Der dritte Versuch gelang. Es hörte sich an wie ein Chinaböller. Vielleicht auch ein Kanonenschlag. Die Gesichter von ein paar alten Damen erschienen in den Fenstern der Kastenhäuser. Dominik schien zufrieden und wir feierten den Erfolg indem wir das Schwarzpulver aus dem ersten Blindgänger auf dem Gehsteig in einer dünnen Linie zerstreuten und es dann anzündeten. Dominik lächelte.
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Er würde das Schuljahr nicht überstehen, das war schon so gut wie sicher. Fünf in Mathe, fünf in Physik, fünf in Englisch. Das war aber auch eigentlich egal.
- Martin hat einen Job in Thüringen. Da ziehen wir hin, im Sommer.
- Scheiß.
- Wird schon nicht viel schlimmer als hier. Haste Lust auf ein Abschiedsfeuerwerk? Mittwoch?

Die felsige Stelle im Wald, zwei oder drei Kilometer von den Klotzhäusern entfernt. Die verbrauchte, schwüle Luft. Gewitterfliegen. Das leichte Brennen in der Lunge, wenn man zu tief einatmet. Ich hatte den ganzen Weg bis hier hin versucht, ihm auszureden, was ich annahm, dass er vorhatte.
- Willst du lieber einen Stein nehmen und ihm den Rest geben? Wär dir das lieber?
War es mir nicht. Wusste ich nicht.
Dominik griff in seinen Rucksack und legte den Reebokkarton auf einem der Felsen ab. Dann fasste er noch einmal in den Rucksack und holte sehr vorsichtig eine Konservendose hervor. Oben schaute eine ganze Wunderkerze heraus. Wertvolle Meter.
- Alter!
- Geil, ne? Jetzt überleg dir das mal mit ein paar Schrauben drin. Das ist besser als jede Rohrbombe.

Er legte die Konservendose in den Karton in dem der Vogel seltsam zuckte. Dann nahm er sein Feuerzeug und setzte den Rucksack wieder auf.
- Da vorne, die Felsen kurz vor der Baumreihe.
- Okay.
Dominiks Augen funkelten. So intensiv, wie ich es noch nie gesehen hatte. Er entzündete die Spitze der Wunderkerze und wir rannten los. Es war ganz leise. Keine Actionfilmmusik, keine tickenden Uhren, keine Schüsse in der Luft. Nur wir und der die gedämpften Schritte auf den Blättern. Wir liefen nicht einmal geduckt. Das hatte ich mir immer anders vorgestellt. Das war alles was mir einfiel. Dabei wollte ich doch an den Vogel denken und ihm irgendwie auf Wiedersehen sagen oder so etwas Dummes. Aber da war nur die Stille und ein Paar Vogelstimmen oben in den Bäumen, die Gewitterfliegen und das Autobahnbrummen hinter dem nächsten Hügel.
An der Baumreihe angekommen warfen wir uns über die Felsen und hielten uns die Ohren zu. Dominik spähte über die Kante. Ich sah nur auf den Boden und presste die Hände auf meine Ohren und konnte nur noch meinen Puls hören. Badumm. Badumm. Badumm.
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Editiert: 06.08.16, 09:47 Uhr
Ich habe Dominik nie wieder gesehen. Habe ihn nie wirklich vermisst. Ein paar Jahre später dachte ich kurz, das da im Fernsehen, das wäre Dominik. Neunzehn Tote in Erfurt. Irgendwann haben sie den Namen des Täters veröffentlicht. Es war nicht Dominik. Sie haben Blumen gezeigt und weinende Menschen mit Schildern. Warum?
Und ich dachte wieder an Dominik und die Playstation und an den einen Winter und den halben Sommer, in dem wir mal so etwas ähnliches waren wie Freunde und das gerade irgendwie in Ordnung war, an die Federmappe, an die Riegen, an seinen Stiefvater und an die funkelnden Augen. Und dann wollte ich auch ein Schild malen und mich neben diese Leute im Fernsehen stellen. Darum!
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Das ist alles so deprimierend heul
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danke umarm
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Editiert: 07.08.16, 08:53 Uhr

Cape Canaveral



Die Kinder drücken sich die Nasen und eisverschmierten Münder an diesen großen Scheiben platt. Und sie klopfen. Und sie hämmern. Gegen die Scheiben. Immer wieder. Direkt daneben ein Schild, das darum bittet, nicht an die Scheiben zu klopfen. Und ich möchte rübergehen und die Kinder fragen, wie sie das den finden würden, wenn es da jemanden gäbe, der bei ihnen die ganze Zeit klopfen und hämmern würde. An das Fenster vom Kinderzimmer. Ich tue nichts, weil das wieder nur Ärger geben würde, mit den Müttern, die Blitzlichtfotos von ihren Kindern und den Affen im Hintergrund machen. Direkt neben dem Schild, dass darum bittet, nicht mit Blitzlicht zu fotografieren.

- Es gab nur Erdbeer. Schlimm?
- Nee, kein Problem.
Lisa reicht mir das Eis und wir setzten uns auf die Bank im Affenhaus und sehen schweigend und eisessend den Affen und den Menschen zu.
Wir landen ständig im Zoo. Ich weiß gar nicht warum. Am Ende tun uns die Tiere immer nur leid und es ist immer zu voll und immer zu laut. Man müsste so etwas eigentlich boykottieren. Dennoch werden es immer Zoos. In jeder Stadt in die wir fahren.

- Ohh, schau doch mal. Mensch ist der niedlich.
Lisa holt ihre alte, zerbeulte Digitalkamera aus der Handtasche und macht ein Foto von dem Pandababy, das da ein paar Meter weiter vor uns auf einem Ast herumturnt. Dann schaut mich Lisa mit ihren Pandaaugen an und lacht kurz und für einen Moment ist alles gut.
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Im Delfinarium staut sich die Hitze und das Wasser reflektiert den Zuschauern die Sonne in die blinzelnden Augen. Wir sitzen da und warten auf die Show, die eigentlich keiner von uns sehen möchte, aber irgendwie haben wir sie ja mitbezahlt. Der Geruch von Sonnenmilch mischt sich mit dem von Popcorn, das die Familie hinter uns verspeist. Lisa hat ihre Sonnenbrille in das Haar geschoben, schirmt die Augen mit der Hand vom Licht ab und starrt mit ihrem Tausendmeterblick auf das Wasser.

Die Show beginnt und fröhliche Männer und Frauen in Neoprenanzügen lassen Robben und Delfine durch Reifen springen oder Bälle balancieren, oder auf ihren Schwanzflossen im Wasser stehen. Ich muss die ganze Zeit zu Lisa hinüber sehen, die da sitzt in ihrem blauen Sommerkleid mit weißen Punkten und mir fällt auf wie ihre Haut schimmert von der Sonnenmilch und wie braun sie geworden ist in der einen Woche Urlaub. Ich lege meine Hand auf ihr Knie und sie wischt sie wieder fort.
- Ist schon so heiß genug.
- Okay.

Einige dieser Käfige sind leer. Müssen leer sein. Wir stehen minutenlang da und suchen, aber hinter dem Draht scheint nichts zu leben. Wir lesen die ausgeblichenen Schilder, und können keine Schemen erkennen, die so aussehen wie auf den Abbildungen. Man sollte einen Fantasiezoo eröffnen. Einen, wo es nur leere Käfige gibt mit Pflanzen und auf den Schildern sind dann irgendwelche Monster oder Fabelwesen drauf und es gibt tolle Geschichten zu lesen und die Kinder mit den eisverschmierten Mündern können so lange hämmern wie sie wollen ohne dass es stört.

Einer der Wellensittiche hat einen seltsam langen Schnabel. So krumm und nach oben gebogen, dass man am liebsten eine Nagelschere nehmen möchte um ihn von dieser Wucherung zu befreien.
- Ist der krank?
Lisa stellt manchmal Kinderfragen und ich möchte sie am liebsten dafür in den Arm nehmen.
- Weiß nicht. Sieht nicht gesund aus.
Und Lisas Pandaaugen schauen traurig in den Käfig hinein und ich möchte ihr in diesem Moment so sehr sagen, wie leid mir das alles tut. Wie leid mir tut was der Krebs und der Tod mit ihrer Familie machen. Aber das hier ist nicht der richtige Moment und ich halte den Mund.
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Die Pinguine tauchen hin und her. Immer hin und her. Durch das dreckige Wasser hindurch. So dass man sie kaum noch erkennen kann, wenn sie nicht direkt an der Scheibe entlang schwimmen. Weiter hinten nur schwarze Klumpen irgendwo im Grün. Lisa steht direkt neben mir und unsere Arme berühren sich kurz. Ich schaue zu ihr hin und sie nur wieder traurig in das Wasser.
- Ein Spiel!
- Bitte?
- Ein Spiel! Luft anhalten so lange wie ein Pinguin.
Ich weiß selbst nicht, wie ich auf diesen irren Gedanken gekommen bin, aber Lisa steigt darauf ein.
- Okay. Der da?
Sie zeigt auf einen Vogel, der sich gerade in das grüne Brackwasser stürzen möchte. Ich nicke. Der Pinguin gleitet in das Wasser und wir atmen beide laut ein und nicht wieder aus. Der Pinguin taucht. Lisa schaut mich an. Dann wieder den Pinguin.

Ob es für so einen Pinguin leichter ist, als für die anderen Vögel? Wie ist das sonst, wenn man fliegen kann, aber nicht darf. Wenn man den Himmel sieht, aber ihn nie erreichen kann.

Lisa schaut wieder zu mir herüber und ganz langsam entweicht die Luft zwischen ihren Lippen. Der Pinguin ist noch nicht wieder aufgetaucht. Schließlich drückt sie die restliche Luft aus ihren Lungen und atmet tief ein. Sie schaut mich an. Der Pinguin taucht noch immer. Irgendwo da hinten im Trüben. Ich mache Hamsterbacken und zeige auf den Pinguin und zucke nur mit den Schultern. Lisa hebt fragend die Augenbrauen. Ich kann gut Luft anhalten. Habe ich immer schon gekonnt. Der Pinguin kommt jetzt nach vorn an die Scheibe und Lisa hält den Kopf leicht schräg und schaut mir direkt in die Augen. Der Pingiun gleitet an der scheibe entlang nach oben, durchbricht die Wasseroberfläche und schnattert kurz. Ich atme aus. Ich atme ein. Lisa schaut den Pinguin an.
- Idiot.
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Editiert: 06.08.16, 21:53 Uhr
Ich kann mich nicht entscheiden. Ich warte im Souvenirshop darauf, dass Lisa von der Toilette zurückkommt und kann mich nicht entscheiden. Die beiden Plüschpandas in meinen Händen schauen mich fragend an. Der eine hat eine leicht schiefe Nase und bei dem anderen sitzt das Auge einen halben Zentimeter zu weit oben. Schenk mir nicht so einen Scheiß schon wieder wird sie sagen. Haben wir doch schon genug von. Oder so etwas. Ich kenne die Betonung jeden einzelnen Wortes.

Lisa kommt zwischen den Regalen hervor und ich stelle die Pandas eilig zurück. Wir gehen durch das Drehkreuz am Ausgang und die Sonne blendet und Kinder mit Eis in der Hand rennen an uns vorbei. Auf dem Weg zum Auto sagen wir nichts. Wir steigen ein, ich drehe das Radio ein ganz klein wenig zu laut und ich bin wieder Michael Collins und fliege meinen dreißigsten Orbit um den Mond. Ich sollte eigentlich gar nicht hier sein. Ich bin nur der Ersatzmann. Ich sitze hier in dieser kleinen Metallkapsel und um mich herum ist nichts als dunkles schwarzes Vakuum. Ich versuche die Dinge am Laufen zu halten, während einhundertzehn Kilometer unter mir ein Mann die Leiter des Landemoduls hinuntersteigt und eine neue Welt betritt.
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jaaa
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