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Die Fotostrecke: eine monatliche Foto-Reihe mit Forengeschichte

"Schnappschuss oder Studioshooting, digital oder analog, Farbe oder schwarz/weiß" – mit diesem Satz eröffnete ein Nutzer namens oryX am 1. Februar 2012 um 00:10 Uhr die Ausgabe 2012/02 der Fotostrecke, dem monatlichen Sammelthread der alten Ausstellungsrubrik. Die einzige Regel stand direkt daneben: keine Fundstücke, nur Selbstgemachtes.

Über Jahre hinweg lief dieses Format praktisch von allein – jeden Monat ein neuer Thread, jeden Monat neue Bilder, oft über sechs oder mehr Seiten hinweg, ohne festes Thema, dafür mit einer festen Tag-Liste: analog, digital, Farbe, Retro, Schnappschuss, Studio, Vintage. Es war die unaufgeregteste und zugleich langlebigste Rubrik des ganzen Forums.

Der Eröffnungssatz war schon damals Tradition: Vier Jahre früher, im Februar 2008, stand fast wortgleich dieselbe Formel über der Ausgabe 2008/02 – und schon am ersten Tag ging es nicht nur ums Zeigen, sondern ums Wie, bis hinunter zu Belichtungszeit und Blende (die Grundlagen dazu: Blende, ISO, Belichtungszeit). Ein Auszug aus dem Thread:

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Fotostrecke 2008/02

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  1. HorstModerator

    Schnappschuss oder Studioshooting, digital oder analog, Farbe oder schwarz/weiß. Hier könnt Ihr alle möglichen Fotos zeigen, die Ihr gerade auf dem Kasten habt. Natürlich keine Fundstücke, sondern nur Selbstgemachtes. Achtung: Jeden Monat wird eine neue Fotostrecke eröffnet. Besonders gelungene Fotos sind natürlich immernoch am Besten in der Vernissage aufgehoben.

  2. börgDauergast

    Und um prottens Frage aus dem alten Superschnappshooter zu beantworten: Exposure: 0.067 sec (1/15) · Aperture: f/2.8

  3. prottenVeteran

    Ah. Danke, Börg. Finds irgendwie ne gute Mischung aus Bewegungsunschärfe erzeugen und trotzdem Schärfe behalten können bei denen die still stehen.

  4. keroVeteran

    hier sollen nur eigene fotos rein, just.

Wörtlicher Auszug aus dem Forum, Stand 28. Mai 2008. Die Fotos selbst sind nicht erhalten; gezeigt wird nur der Text, Beiträge ohne Text sind ausgelassen.

Wer den Auszug liest, sieht schon auf der ersten Seite, worum es in dieser Rubrik eigentlich ging. Ein Foto wird gezeigt, jemand fragt, wie es entstanden ist, und die Antwort kommt nicht als Floskel, sondern als Zahlenpaar: 1/15 Sekunde bei f/2.8. Die nächste Antwort erklärt, was diese Werte im Bild bewirken, nämlich Bewegungsunschärfe bei allem, was sich bewegt, und Schärfe bei allem, was stillhält. Das ist in drei Beiträgen eine kleine Lektion über Belichtungszeit, geschrieben von Leuten, die sich gegenseitig ihre Bilder zeigen wollten.

Vom Superschnappshooter zur Monatsausgabe

Die Fotostrecke war nicht der erste Fotothread des Forums. Im Beitrag von börg aus dem Februar 2008 taucht ein Vorgänger auf: der "alte Superschnappshooter". Dieser Thread wurde am 25. September 2006 eröffnet, also in der Anfangszeit des Forums, mit einem Satz, der das spätere Programm schon enthält: Hier sei es so schön, man wolle gleich etwas zeigen, "wie die grossen weissen wände eines museums". Getaggt war er mit Begriffen wie 35mm, Diafilm und Mittelformat. Analog war 2006 in diesem Kreis also noch keine Retro-Pose, sondern Alltag.

Der Superschnappshooter hatte ein Problem, das jeder kennt, der einmal einen Forumsthread über Jahre wachsen sah. Der Thread wuchs auf weit über hundert Seiten. Wer dort neu dazukam, fand den Anfang nicht mehr, und wer ein bestimmtes Bild wiederfinden wollte, musste blättern. Irgendwann stand über dem Thread das Wort "Geschlossen".

Die Lösung ab Februar 2008 war schlicht: ein neuer Thread pro Monat, mit festem Namensschema (Fotostrecke 2008/02, 2008/03 und so weiter) und immer demselben Eröffnungstext. Das klingt nach einer Verwaltungsentscheidung, war aber redaktionell klug. Jeder Monat bekam einen Anfang und ein Ende. Neue Mitglieder konnten jederzeit auf Seite 1 einsteigen, ohne sich durch Jahre an Vorgeschichte zu arbeiten. Und die Sammlung wurde automatisch zu einem Archiv mit Datum, das man nach Jahren und Monaten durchgehen kann, was wir heute tatsächlich tun.

106 erhaltene Ausgaben: was die Zahlen verraten

Erhalten sind 106 verschiedene Ausgaben der Fotostrecke. Die früheste ist 2008/02, die späteste 2017/06, eröffnet am 6. Juni 2017 mit genau dem Text, der schon 2008 darüber stand. Neun Jahre und vier Monate lang hat die Rubrik also mit derselben Formel funktioniert. Einzelne Monate fehlen in der Überlieferung, etwa Januar 2011 oder Juni 2012. Ob die Ausgaben nie eröffnet wurden oder nur nicht überliefert sind, lässt sich nicht sagen; bei einem Forum dieser Größe sind Lücken in der Überlieferung wahrscheinlicher als ausgefallene Monate.

Aufschlussreicher als die Zahl der Ausgaben ist ihr Umfang. Für jede Ausgabe lässt sich ablesen, bis zu welcher Seite der Thread erhalten ist. Das ist eine Untergrenze, keine exakte Länge, aber die Tendenz ist deutlich:

  • 2008: Die erste Ausgabe kommt auf 4 Seiten, schon im Mai sind es 14. Danach pendelt sich die Reihe bei 8 bis 13 Seiten pro Monat ein.
  • 2009: Durchgehend zweistellig, mit 21 Seiten im März und 17 bis 18 Seiten in mehreren anderen Monaten.
  • Sommer 2010: Der Höhepunkt. Die Ausgaben Mai bis August 2010 erreichen 23 bis 27 Seiten.
  • 2011 bis 2013: Meist zwischen 3 und 13 Seiten, mit deutlich fallender Linie.
  • 2014 bis 2017: Ein bis drei Seiten pro Monat. Die letzte erhaltene Ausgabe besteht aus einer Handvoll Beiträgen.

Eine zweite Spur liefert die Adresse jedes Threads. Die Zahl am Ende (4632 für Februar 2008, 11467 für Juli 2010, 15039 für Juni 2017) ist die Themennummer, die das Forum offenbar fortlaufend über alle Unterforen hinweg vergab. Zwischen Februar 2008 und Juli 2010 kamen damit rund 6.800 neue Themen im gesamten Forum dazu, in den knapp sieben Jahren danach nur noch rund 3.600. Die Fotostrecke hat den Rückgang des Forums also nicht verursacht, sie hat ihn eher lange überlebt: Als an anderer Stelle kaum noch neue Themen entstanden, wurde hier immer noch jeden Monat eine neue Ausgabe eröffnet.

Wie viel davon mit der Konkurrenz durch Plattformen zu tun hat, die ab 2010 aufkamen, lässt sich aus den erhaltenen Threads nicht belegen. Auffällig ist nur, dass der Höhepunkt der Reihe in den Sommer 2010 fällt und Instagram im Oktober 2010 startete. Mehr als eine zeitliche Nachbarschaft ist das nicht.

Was in den Threads eigentlich passierte

Die Bilder selbst sind weg. Die Fotos wurden oft von externen Diensten wie Flickr eingebunden, und diese Bilddateien sind nur selten erhalten. Was bleibt, ist der Text zwischen den Bildern, und der ist aufschlussreicher, als man denken würde.

Ein typischer Tag in der Ausgabe 2010/07 sieht so aus: Kurz nach Mitternacht eröffnet ein Mitglied den Monat und hängt drei Fotos an, jedes mit dem Hinweis "größer bei flickr". Am Nachmittag fragt jemand, wie er einen Fleck auf dem Sensor loswird, der bei hellem Hintergrund sichtbar wird. Die Antwort kommt nach zwei Minuten: Vor dem Sensor sitze ja noch der Tiefpassfilter, der relativ robust sei, eine Reinigung im Fachgeschäft koste nicht die Welt (er habe 40 Franken bezahlt), und für zwischendurch tue es ein Blasebalg. Eine halbe Stunde später zeigt jemand ein Bild von der blauen Stunde und bekommt einen einzigen, sehr konkreten Satz zurück: Die erste Laterne reiße zu viel aus.

Das ist die eigentliche Qualität des Formats. Zeigen, fragen, knapp kritisieren, technisch helfen, alles im selben Strang. Niemand musste einen eigenen Hilfe-Thread aufmachen, um zu erfahren, wie man einen Sensor reinigt; die Frage stand zwischen zwei Fotos und wurde dort beantwortet, wo die Leute ohnehin lasen.

Wie ernst das über die Jahre wurde, zeigt ein Eröffnungsbeitrag vom 24. April 2012. Ein langjähriges Mitglied belebte damals den alten Schnappschussthread wieder, ausdrücklich für Bilder "ohne speziellen Anspruch", und bat darum, dort auf technische Diskussionen und ungefragte Kritik zu verzichten. Die Begründung: Die Fotostrecke habe sich zu einem "Tummelplatz der anspruchsvollen Fotografie" entwickelt, für echte Schnappschüsse sei dort kein richtiger Platz mehr. Aus dem Sammelbecken für alles, was man gerade auf dem Kasten hat, war also nach vier Jahren ein Ort geworden, an dem man seine besseren Bilder zeigte und Rückmeldung dazu erwartete.

Die Fotoszene um 2008: Flickr, Spiegelreflex, Exif

Um den Ton dieser Threads zu verstehen, hilft ein Blick auf die Technik, mit der damals fotografiert und geteilt wurde. Flickr war 2004 gestartet und gehörte seit 2005 zu Yahoo. Für viele war es der Ort, an dem die Bilder in voller Größe lagen, während Foren wie dieses nur eine verkleinerte Fassung einbetteten. Deshalb der wiederkehrende Hinweis "größer bei flickr", und deshalb verlinkt schon 2006 im Superschnappshooter jemand ein Flickr-Foto, um zu zeigen, woher ein Motiv stammt.

Gleichzeitig wurden digitale Spiegelreflexkameras bezahlbar. Die Canon EOS 400D und die Nikon D40, beide 2006 vorgestellt, holten viele Leute aus der Kompaktkamera-Ecke. Mit ihnen kam die Gewohnheit, über Blende, Zeit und ISO zu reden, weil man diese Werte jetzt selbst einstellte, und weil sie in jeder Datei mitgespeichert wurden. Exif, das Metadatenformat für Digitalfotos, schreibt Belichtungszeit, Blende, Brennweite und Kameramodell direkt in die JPEG-Datei. Die Antwort "Exposure: 0.067 sec (1/15) · Aperture: f/2.8" aus dem Februar-Thread ist genau das: ausgelesene Exif-Daten, zurückgegeben an jemanden, der wissen wollte, wie ein Bild entstanden ist.

Analog verschwand trotzdem nicht. Die Tag-Liste der Fotostrecke führte "analog" bis zur letzten Ausgabe 2017 neben "digital", und im Superschnappshooter tauchen Diafilm und Mittelformat auf. Die Rubrik hat nie eine Seite gewählt, und das war vermutlich einer der Gründe, warum sie so lange lief.

Die Fotostrecke im Magazin

Das Format selbst braucht kein Forum, nur eine Redaktion, die kuratiert, und Leute, die Fotos schicken. Die Fotostrecke des Magazins erscheint monatlich an dieser Stelle, ohne festes Thema, mit derselben einen Regel wie damals: eigene Arbeiten, keine Fundstücke.

Wer mitmachen will, schickt 1-3 Fotos mit kurzer Beschreibung an [email protected]. Wir kuratieren die Auswahl redaktionell und veröffentlichen die stärksten Einsendungen.

Was sich ändert, ist die Richtung des Gesprächs. Im Forum konnte jeder sofort antworten, heute sitzt eine Redaktion dazwischen. Das nimmt dem Format etwas Tempo, gibt ihm aber etwas anderes: Jede Ausgabe wird ausgewählt und gesetzt, statt einfach zu wachsen. Näher am Geist der späten Jahre, in denen die Fotostrecke ohnehin der Ort für die besseren Bilder geworden war, als am Superschnappshooter von 2006.

Was eine gute Einsendung ausmacht

Es gibt kein Thema und keine Technikvorgabe. Ein Handyfoto hat dieselbe Chance wie ein Mittelformat-Negativ. Ein paar Dinge helfen uns aber bei der Auswahl, und sie helfen auch den Leuten, die die Ausgabe später lesen:

  • Ein Satz zum Bild. Wo, wann, warum. Nicht als Interpretation, sondern als Kontext. "Aufgenommen um halb sechs morgens am Güterbahnhof, weil das Licht nur zehn Minuten so lag" sagt mehr als jede Bildbeschreibung.
  • Die Aufnahmedaten, wenn du sie hast. Die Frage nach Zeit und Blende war schon 2008 die häufigste im Thread. Kamera, Brennweite, Blende, Zeit, ISO, bei Film die Filmsorte. Wer die Werte nicht kennt, schreibt einfach nichts dazu; das ist kein Ausschlussgrund. Wer verstehen will, was die Zahlen bedeuten, findet die Grundlagen in unserem Text zu Blende, ISO und Belichtungszeit.
  • Eine ordentliche Auflösung. Die lange Seite sollte so groß sein, dass das Bild auf einem großen Bildschirm noch trägt. Verkleinern können wir selbst, vergrößern nicht.
  • Keine Wasserzeichen quer durchs Bild. Deinen Namen nennen wir in der Bildunterschrift, wenn du das willst.

Zur Regel "eigene Fotos" gehört auch die Frage nach den Rechten. Einsenden kann nur, wer das Bild selbst gemacht hat und darüber verfügen darf. Sind Menschen erkennbar abgebildet, brauchst du nach dem Kunsturhebergesetz grundsätzlich deren Einwilligung, bevor ein Bild veröffentlicht wird; es gibt Ausnahmen, etwa für Versammlungen oder Personen als Beiwerk einer Landschaft, aber im Zweifel fragst du lieber vorher. Bei Porträts wollen wir wissen, dass die abgebildete Person mit der Veröffentlichung einverstanden ist.

Eine Fotoreihe selbst betreiben: was neun Jahre Fotostrecke lehren

Wer mit einer Fotogruppe, einem Verein oder einem Kollegenkreis eine eigene Reihe starten will, kann aus dem Verlauf der Fotostrecke einiges ablesen, ohne es neu erfinden zu müssen.

Ein fester Rhythmus schlägt jedes Thema. Die Fotostrecke hatte nie ein Monatsthema, aber sie hatte einen Kalender. Jeden Monat gab es einen neuen Anfang, und dieser Anfang war ein Anlass, wieder etwas zu zeigen. Themenwettbewerbe erzeugen oft einen kurzen Schub und dann Pause; ein offener Monatsrahmen erzeugt Gewohnheit.

Eine einzige Regel reicht, wenn sie klar ist. "Keine Fundstücke, nur Selbstgemachtes" war die ganze Hausordnung, und sie wurde von den Mitgliedern selbst durchgesetzt, wie der knappe Hinweis "hier sollen nur eigene fotos rein" im Februar 2008 zeigt. Mehr Regeln hätten mehr Moderation gebraucht.

Begrenzte Behälter halten ein Archiv lesbar. Der Wechsel vom endlosen Superschnappshooter zu Monatsausgaben ist das Beste, was der Reihe passieren konnte. Wer heute eine Reihe in einem Messenger oder einer Social-Media-Gruppe betreibt, hat dasselbe Problem wie 2006: Alles landet in einem Strom, nichts lässt sich wiederfinden. Eine Ausgabe pro Monat, mit Datum im Namen, löst das.

Zwei Räume für zwei Ansprüche. Die Forumsgemeinschaft hat es selbst gemerkt: Als die Fotostrecke anspruchsvoller wurde, brauchte es 2012 wieder einen Schnappschussthread, in dem niemand ungefragt Kritik bekommt. Wer eine Reihe betreibt, sollte früh entscheiden, ob Rückmeldung erwünscht ist, und das dazuschreiben. Beides in einem Raum führt dazu, dass die einen sich nicht mehr trauen und die anderen keine ehrliche Antwort bekommen.

Die Technikfrage gehört dazu. Ein großer Teil der erhaltenen Gespräche dreht sich nicht um Bildaussage, sondern um Handwerk: Belichtung, Sensorstaub, Objektive. Eine Reihe, die das zulässt, wird für Einsteiger nützlich, und die sind es, die sie langfristig tragen. Wer selbst gerade anfängt, findet in unserem Einstieg Fotografieren lernen die Übungen, mit denen man die ersten Monate gut füllen kann.

Und irgendwann wird es leiser. Die letzten Ausgaben 2016 und 2017 bestehen aus einer Seite, manchmal aus einer Handvoll Bilder. Trotzdem wurde jeden Monat neu eröffnet, bis zum Juni 2017. Eine Reihe endet selten mit einem Beschluss, sie wird einfach weniger besucht. Dass die Formel bis zuletzt dieselbe war, zeigt, wie gut sie trug: eine Regel, ein fester Rhythmus, sonst nichts.

Häufige Fragen

Wie oft erscheint die Fotostrecke?

Monatlich. Jede Ausgabe sammelt Arbeiten zu keinem festen Thema – die einzige Regel ist, dass es eigene Fotos sein müssen.

Wie kann ich mitmachen?

Schick 1-3 Fotos mit kurzer Beschreibung an [email protected]. Wir kuratieren die Auswahl redaktionell.