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Vernissage-Archiv: die Ausstellung, die Supertopic groß gemacht hat

Neben dem eigentlichen Forum betrieb Supertopic eine zweite, strukturell ganz andere Sektion: Vernissage – benannt nach der klassischen Ausstellungseröffnung, und auch so gedacht. Kein Diskussionsthread, sondern eine echte Galerie: im Mai 2008 bereits 484 eingereichte Arbeiten, kategorisiert wie ein Ausstellungskatalog. Fotografie war mit 214 Arbeiten die mit Abstand größte Kategorie, gefolgt von Illustration (57), Sonstiges (47), Musik (46, vermutlich Coverkunst und visuelle Begleitung), Plakat (23), Logo (21), Zeichnung (14) und Motion (14). 3D, Editorial, Flyer, Malerei, Mode, Screen und Typografie füllten die kleineren, aber nicht weniger ernsthaft kuratierten Restkategorien.

Wie schnell die Sammlung wuchs, zeigt die Kategorie-Leiste der Vernissage selbst, die für zwei Zeitpunkte erhalten ist: Zwischen November 2007 und April 2008 hat sich der Bestand in nicht einmal fünf Monaten mehr als verdoppelt (von 203 auf 432) – allen voran durch die Fotografie mit 100 neuen Arbeiten und, überraschend, die Musik-Kategorie, die sich von 8 auf 42 mehr als verfünffachte.

Bestandsverzeichnis der Vernissage, nach Kategorie

17. Nov. 2007 · 203 Arbeiten1. Apr. 2008 · 432 Arbeiten

KategorieNov. 07Apr. 08Balken
Fotografie89189
Illustration2754
Sonstiges3342
Musik842
Logo1221
Plakat721
Zeichnung213
Flyer310
Screen69
Motion48
Typografie27
Malerei56
Mode34
3D13
Editorial13

Bestbewertet im November 2007 (Community-Wertung 1–10): „father & son“ 8,86 · „united“ 8,75 · „Pirat“ 8,58 · „Kaugummiautomat“ 8,53

Zahlen wörtlich aus der Kategorie-Leiste der Vernissage, Stand 17. November 2007 und 1. April 2008. Die Bilder selbst sind nicht erhalten – überliefert sind nur Titel, Kategorie und Bewertung.

Was Vernissage anders machte

Ein Forumsthread lebt vom Tempo – schnelle Antworten, viele Beiträge, wenig Kuration. Vernissage war das Gegenteil: einzelne Werke, einzeln präsentiert, mit eigener URL pro Arbeit. Design- und Kunstblogs verlinkten deshalb gezielt auf einzelne Arbeiten, nicht auf die Sektion als Ganzes – ein Muster, das eher zu einer kuratierten Galerie passt als zu einem Forum.

Woher der Name kommt

Der Name war keine zufällige Wahl. Vernissage kommt vom französischen vernir, firnissen. Im Pariser Salon, der großen offiziellen Kunstausstellung des 18. und 19. Jahrhunderts, durften die Maler ihre bereits gehängten Bilder vor der Eröffnung noch einmal nachbearbeiten und mit einer letzten Firnisschicht überziehen. Aus diesem Arbeitstag vor dem Publikumsandrang wurde mit der Zeit ein gesellschaftliches Ereignis, und aus dem Ereignis die Ausstellungseröffnung, wie man sie heute kennt: Wein, Gespräche, das Werk zum ersten Mal öffentlich an der Wand.

Für eine Online-Galerie ist das eine treffende Metapher, vielleicht treffender, als es den Gründern bewusst war. Eine Arbeit in die Vernissage zu stellen hieß, sie für fertig genug zu erklären, um sie zu zeigen, und gleichzeitig noch offen für den letzten Schliff zu sein. Genau so wurden die Kommentarspalten unter den Arbeiten genutzt, wie das Beispiel weiter unten zeigt.

Wie eine Arbeit in der Vernissage aussah

Jede Arbeit hatte eine eigene Seite mit sprechender Adresse nach dem Muster /vernissage/benutzername/titel-nummer.html. Oben standen Titel, Kategorie, Name und Datum, darunter das Werk, eine kurze Beschreibung und ein Block namens "Daten". Dort konnten die Einreichenden angeben, womit und wie lange sie an der Arbeit gesessen hatten, außerdem stand dort eine Rechteangabe. Links und rechts führten Pfeile zur vorherigen und nächsten Arbeit, sodass man sich durch die Galerie klicken konnte wie durch einen Ausstellungsraum. Darunter folgten die Kommentare.

Ein erhaltenes Beispiel aus dem Juli 2008 zeigt, wie das in der Praxis lief. Ein Mitglied stellte am 25. Juli um 15:54 Uhr den ersten Entwurf für das Logo seiner Band in die Kategorie Logo. Unter "Daten" stand: zwei Stunden Zeit, Illustrator, Photoshop. Die Beschreibung bestand aus einer einzigen Frage: Ist Futura als Bandschrift zu abgenutzt?

Fünf Minuten später kam die erste Antwort, allerdings nicht auf die gestellte Frage. Der Kommentar bemerkte, dass die untere Zeile optisch weiter zu laufen scheine als die obere, obwohl sie rechnerisch bündig mit dem Punkt abschließe; auf dem gepunkteten Hintergrund sehe das falsch aus. Acht Minuten später fragte jemand, wie das Ganze im Druck umgesetzt werde, und hielt das Verhältnis von etwa 20 Prozent Schrift zu 80 Prozent Ornament für unglücklich, weil man bei der Größe kaum erkenne, worum es geht. Der nächste schlug hängende Interpunktion vor oder den Punkt ganz wegzulassen. Achtzehn Minuten nach dem Upload antwortete der Urheber, er sehe das Problem mit der Zeile und werde es korrigieren, der Druck sei aber noch kein Thema, erst einmal gehe es ums Web.

In dieser Viertelstunde steckt, was die Vernissage von einer reinen Bildergalerie unterschied. Die Kommentare waren keine Likes, sondern Korrekturvorschläge aus dem typografischen Handwerk: optischer Randausgleich, Verhältnis von Schrift und Schmuck, Lesbarkeit in kleiner Größe. Das ist die Art von Rückmeldung, für die man heute eine Agentur-Review oder einen Kurs bezahlt. Hier gab es sie nachmittags um vier von Leuten, die gerade selbst an etwas saßen.

Bewertung, Sortierung und die Top 10

Neben den Kommentaren gab es eine Bewertung auf einer Skala bis 10. In den Übersichten stand neben jedem Titel die Zahl der Kommentare und der Durchschnitt der Bewertungen, etwa 8,64 für das bestbewertete Logo im August 2008. Jede Kategorie hatte eine eigene Top-10-Liste in der Seitenleiste, und die Übersichten ließen sich nach Upload-Datum, Bewertung, Zahl der Kommentare und Datum des letzten Kommentars sortieren, jeweils auf- und absteigend. Die Sortierung stand sogar in der Adresse, etwa als s-rating-up, s-rating-down oder s-upload-up.

Interessant ist, wie sich die Spitze verschob. Im Herbst 2007 lag die Top 10 zwischen 8,00 und 8,90. Im August 2011 stand an erster Stelle eine Editorial-Arbeit mit glatten 10,00, und selbst Platz zehn kam noch auf 9,68. Ob die Arbeiten besser wurden, die Bewertenden großzügiger oder ob einfach mit mehr Einsendungen auch mehr Ausreißer nach oben dabei waren, lässt sich aus den Zahlen allein nicht entscheiden. Wer heute ein Bewertungssystem baut, kennt das Muster: Durchschnittswerte wandern mit der Zeit nach oben, und eine Skala bis 10 wird in der Praxis zu einer Skala von 7 bis 10.

Wie weit die Sammlung wuchs

Die 484 Arbeiten vom Mai 2008 waren kein Endstand. Die Kategorie-Leiste, die auf jeder Seite der Vernissage mitlief, ist auch für spätere Tage mehrfach erhalten:

  • Ende Juli 2008: 622 Arbeiten, davon 294 Fotografie.
  • Anfang August 2008: 659 Arbeiten, davon 323 Fotografie. Neu in der Liste: eine Kategorie "Supercomic", noch ohne einen einzigen Eintrag.
  • Seitenleiste der Fotostrecke-Ausgabe Juli 2010: 1.109 Arbeiten, davon 535 Fotografie.
  • August 2011: 1.174 Arbeiten, verteilt auf 53 Übersichtsseiten.

Die Verteilung vom August 2011 sieht so aus: Fotografie 574, Illustration 133, Musik 86, Sonstiges 77, Screen 47, Logo 43, Plakat 37, Typografie 37, Motion 33, Mode 28, Zeichnung 22, Flyer 17, Editorial 16, 3D 12, Malerei 12. Die Supercomic-Kategorie ist zu diesem Zeitpunkt wieder verschwunden.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens blieb die Fotografie über die ganze Zeit die tragende Säule, ihr Anteil stieg sogar leicht, von etwa 44 Prozent im Mai 2008 auf knapp 49 Prozent im August 2011. Zweitens verlangsamte sich das Wachstum deutlich. In den Monaten bis zum Sommer 2008 kamen Arbeiten im Hunderterschritt dazu, zwischen dem Stand vom Juli 2010 und dem August 2011 kamen gerade noch 65 hinzu. Das passt zu dem, was sich an der monatlichen Fotostrecke im Forum beobachten lässt: Die aktivste Phase der Community lag zwischen 2008 und 2010.

Beim Lesen dieser Zahlen hilft es, zu wissen, woher sie kommen. Die erhaltenen Stände stammen von zufälligen Tagen, nicht von Monatsenden. Jede Zahl oben ist der Stand an genau diesem Tag, und sie zählt nur, was an diesem Tag online war. Arbeiten, die Mitglieder wieder gelöscht hatten, tauchen nicht auf. Die Kategorie-Leiste ist trotzdem eine ungewöhnlich gute Quelle, weil sie auf jeder Seite der Vernissage und später sogar im Forum mitlief: Sie wurde von der Software selbst gezählt, nicht von Hand gepflegt, und sie ist an vielen Tagen erhalten, an denen die Bilder längst fehlen.

Auch innerhalb der kleinen Kategorien lohnt ein zweiter Blick. Screen, also Webdesign und Interface, wuchs von 17 Arbeiten im August 2008 auf 47 drei Jahre später. Typografie von 9 auf 37, Editorial von 3 auf 16. Das sind kleine Zahlen, aber sie zeigen eine Verschiebung weg vom reinen Zeigen von Fotos hin zu Gestaltungsdisziplinen, in denen die Mitglieder offenbar beruflich unterwegs waren.

Was davon rekonstruierbar ist

Die einzelnen Bilddateien lagen größtenteils auf einem eigenen Upload-Pfad, der beim Forenausfall mit verloren ging – eine vollständige Rekonstruktion der zuletzt mehr als 1.100 Arbeiten ist ehrlicherweise nicht möglich. Was bleibt, ist die Struktur selbst und ihre Bedeutung: Eine freie Online-Community, die sich selbst eine Ausstellungslogik gegeben hat, lange bevor Portfolio-Plattformen wie Behance oder Dribbble im deutschsprachigen Raum verbreitet waren.

Erhalten sind vor allem Textseiten: Übersichten, Kategorie-Leisten, Top-10-Listen, Kommentare. Von manchen Arbeiten existiert die Werkseite samt Diskussion, aber ohne das Bild, um das es geht. Das ist ein seltsames Leseerlebnis, ein bisschen wie ein Ausstellungskatalog, aus dem jemand die Abbildungen herausgeschnitten hat. Man liest, dass eine Zeile nicht bündig wirkt, und muss sich die Zeile dazudenken.

Wir zeigen deshalb keine nachgebauten oder nachempfundenen Arbeiten und keine Bilder, die wir einer Werkseite nicht zweifelsfrei zuordnen können. Die Rechte an den Arbeiten liegen ohnehin bei den Leuten, die sie damals eingereicht haben; die Werkseiten trugen nicht umsonst eine Rechteangabe. Was wir wiedergeben, sind die Strukturdaten, die jede Seite ohnehin öffentlich mitführte, und die Art, wie über die Arbeiten gesprochen wurde.

Vernissage, Flickr, Behance, Dribbble

Um einzuordnen, was die Vernissage war, hilft ein Blick auf die Plattformen, die es zur selben Zeit gab. Flickr existierte seit 2004 und war der Ort, an dem Fotos in voller Größe lagen, mit Gruppen, Kommentaren und ausgelesenen Exif-Daten. Behance wurde im November 2005 in New York gegründet und wurde über die Jahre zum Standard für Kreativ-Portfolios, 2012 kaufte Adobe die Plattform. Dribbble startete 2009 als kleine, nur auf Einladung zugängliche Community, in der Designer Ausschnitte laufender Arbeiten zeigten, die sogenannten Shots.

Die Vernissage lag irgendwo dazwischen. Sie war disziplinübergreifend wie Behance, von Fotografie über Plakate bis zu Musik-Artwork. Sie war auf Rückmeldung zu laufenden Arbeiten ausgelegt, wie es Dribbble später zum Prinzip machte. Und sie war, anders als alle drei, auf Deutsch und an ein Diskussionsforum gekoppelt, in dem dieselben Leute auch über Druckereien, Rechnungen und Software stritten. Der Eröffnungstext der Fotostrecke verwies ausdrücklich darauf: Besonders gelungene Fotos seien "am Besten in der Vernissage aufgehoben". Forum und Galerie waren also als zwei Stufen gedacht, erst zeigen und besprechen, dann ausstellen.

Diese Kopplung fehlt den großen Plattformen bis heute. Wer auf Behance ein Projekt veröffentlicht, bekommt Aufrufe und Anerkennungen, aber selten den Kommentar, dass eine Zeile optisch nicht bündig steht. Die Reichweite ist größer, das Gespräch dünner.

Was eine gute Online-Werkschau heute braucht

Aus der Struktur der Vernissage lassen sich ein paar Dinge ablesen, die für jede Werkschau gelten, ob eigenes Portfolio, Hochschulausstellung oder die Galerie einer kleinen Gruppe.

Jede Arbeit braucht eine eigene Adresse. Das ist der Grund, warum die Vernissage so oft verlinkt wurde. Blogs verlinkten nicht auf "die Galerie", sondern auf die eine Arbeit, über die sie schrieben. Ein Portfolio, das alle Projekte in ein einziges scrollendes Raster packt, verschenkt genau das. Eine Seite pro Projekt, mit Titel, Jahr und kurzer Beschreibung, ist mehr Aufwand und zahlt sich über Jahre aus.

Kontext gehört zum Werk. Der "Daten"-Block mit Werkzeugen und Zeitaufwand war unscheinbar, aber er beantwortete die Fragen, die Betrachtende ohnehin stellten. Wer ein Projekt zeigt, sollte dazuschreiben, wofür es war, was die Vorgabe war, welche Werkzeuge im Spiel waren und was die eigene Rolle war. Gerade wer als Freelancer über das Portfolio an Aufträge kommen will (mehr dazu in unserem Text Was ist ein Freelancer?), verkauft damit nicht nur das Ergebnis, sondern den Weg dahin.

Kategorien sollten zur Sammlung passen, nicht zum Wunschbild. Die Vernissage legte eine Kategorie Supercomic an, die leer blieb und wieder verschwand, und schleppte gleichzeitig eine Kategorie "Sonstiges" mit, die zu den größten gehörte. Beides ist ein Hinweis: Kategorien entstehen am besten aus dem, was tatsächlich eingereicht wird, und müssen gelegentlich aufgeräumt werden.

Die Dateien gehören dir. Die meisten Bilder der Vernissage sind verloren, weil sie auf einem Upload-Pfad lagen, der mit dem Forum unterging. Wer heute auf eine Plattform setzt, sollte die Originale selbst behalten, in einer Ordnung, die in zehn Jahren noch verständlich ist. Plattformen kommen und gehen, und das gilt für große wie für kleine.

Für eigene Upload-Galerien gibt es heute andere, etablierte Plattformen. Die Idee, die die Vernissage trug, bleibt trotzdem aktuell: Design und Fotografie verdienen genaue Betrachtung, nicht nur einen schnellen Like. Dieselbe Haltung trägt die monatliche Fotostrecke des Magazins.

Häufige Fragen

Woher stammen die Zahlen zur Vernissage?

Aus der Kategorie-Leiste, die auf jeder Seite der Vernissage mitlief und von der Forensoftware selbst gezählt wurde. Erhalten ist sie für mehrere Tage, zum Beispiel im November 2007, im April und Mai 2008 und im August 2011. Jede Zahl ist deshalb der Stand an genau diesem Tag. Arbeiten, die Mitglieder vorher gelöscht hatten, sind darin nicht enthalten.

Warum zeigt der Artikel keine Bilder der eingereichten Arbeiten?

Weil die meisten Bilddateien auf einem eigenen Upload-Pfad lagen, der beim Forenausfall verloren ging. Erhalten sind vor allem Textseiten: Übersichten, Kategorie-Leisten, Top-10-Listen und Kommentare. Nachgebaute Arbeiten oder Bilder, die sich keiner Werkseite zweifelsfrei zuordnen lassen, zeigen wir bewusst nicht.

Darf ich erhaltene Arbeiten aus der Vernissage verwenden?

In der Regel nicht ohne Erlaubnis. Die Rechte liegen bei den Leuten, die die Arbeiten damals eingereicht haben, und jede Werkseite trug eine eigene Rechteangabe. Dass eine Datei heute noch irgendwo im Netz auffindbar ist, ändert daran nichts. Was im Einzelfall erlaubt ist, hängt von dieser Rechteangabe und vom geplanten Zweck ab.

Kann ich heute noch Arbeiten in die Vernissage hochladen?

Nein, Supertopic führt keine eigene Upload-Galerie mehr. Dafür gibt es heute etablierte Portfolio-Plattformen. Aus der Vernissage lässt sich trotzdem etwas mitnehmen: jede Arbeit mit eigener Adresse zeigen, Kontext wie Werkzeuge und Aufgabe dazuschreiben und die Originaldateien selbst behalten.